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CFD

"Wir sprechen für uns selbst!"

Wie verstehen der cfd und seine Partnerorganisationen Empowerment und Partizipation? Und wie hängt Feminismus mit Friedensförderung zusammen? Der cfd und die Partnerorganisation CURE in Bosnien-Herzegowina berichten.

«Ich habe viel erfahren im Projekt mit CURE, aber das Wichtigste ist, dass ich gelernt habe, was genau Gewalt ist. Ich habe begriffen, dass es Formen von Gewalt gibt, die Frauen nicht als Gewalt sehen wollen, obwohl es das ist. Und es hat eine grosse Wirkung auf die Frauen und ihr Empowerment», erzählt Ajna Jusic’, die am Projekt der cfd-Partnerorganisation CURE (Bosnisch für Mädchen) teilgenommen hat.

Junge Frauen setzen sich dabei in Workshops mit geschlechterspezifischer Gewalt, Gleichstellung, Feminismus und Frauenrechten auseinander und entwickeln eigene Ideen für lokale Aktionen zu diesen Themen in ihren Gemeinden. So entstehen vielfältige und kreative Aktionen und Klein-Projekte in ganz Bosnien-Herzegowina, entwickelt und umgesetzt von ehemaligen und aktuellen Projektteilnehmerinnen.

Für den cfd und seine Partnerorganisationen ist Empowerment die grundlegende Methode und das Ziel der Projekte. Gemeint ist damit die Macht oder Fähigkeit, aus eigener Kraft als selbstbewusste Person oder Gruppe etwas zu bewegen und zu gestalten. Durch die Projekte werden Menschen gestärkt, selbständig und bewusst Strategien zu ergreifen, um ihre Lebenssituation zu verändern, ebenso wie Verantwortung für diese Entscheidungen zu übernehmen. So gelingt es Menschen, Zugang und Kontrolle über Ressourcen wie Bildung, Arbeit und Einkommen, Recht, Gesundheit oder soziale Dienstleistungen zu erlangen.

Durch das cfd-Projekt der Organisation CURE zum Beispiel werden junge Frauen motiviert, selber aktiv zu werden und zu positiven Veränderungen in der Gesellschaft beizutragen. CURE ist 2004 aus einer Gruppe feministischer Aktivistinnen hervorgegangen, die sich für einen positiven Wandel in Bosnien-Herzegowina durch Bildung, Kunst, Kultur und Forschung einsetzt. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen die Themen genderspezifische Gewalt, Gleichberechtigung, Feminismus und Frauenrechte. Vedrana Frasto, cfd-Projektleiterin bei CURE, betont: «Durch diese Arbeit werde ich auch selber gestärkt und immer wieder ermutigt, Veränderungen in meiner Gesellschaft anzugehen. Einerseits lernen wir also selber, und andererseits stärken und ermutigen wir andere. Das Ziel von CURE ist, eine neue, junge Generation von Aktivistinnen und Feministinnen zu unterstützen und so eine starke Frauenbewegung aufzubauen.» 

Konsequent partizipativ

Empowerment ermöglichen und gleichzeitig durch die Arbeit und von den Projektteilnehmer*innen lernen, so versteht der cfd seine Arbeit in den Projekten im Ausland und in der Schweiz. Partizipation ist deshalb eine weitere grundlegende Methode in allen Projekten. Projektteilnehmer*innen sind von der Planung und Zielsetzung über die Umsetzung bis hin zur Evaluation an den Projekten beteiligt. Der cfd realisiert demnach seine Projekte mit Projektteilnehmer*innen und nicht für sie.

Im Projekt von CURE entscheiden die jungen Frauen selbständig über Inhalt und Methode der Aktionen in ihren Gemeinden. So entstanden schon Theater- und Filmvorführungen, Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen und Strassenaktionen zu den Themen Gleichberechtigung, Frauenrechte oder Feminismus und Graffiti-Workshops für Mädchen. Die jungen Frauen werden damit von Projektteilnehmerinnen zu Mitgestalterinnen und sogar Projektleiterinnen.

Der cfd und seine Partnerorganisationen stellen die Menschen, ihre Potenziale und ihre Ressourcen ins Zentrum. Wenn über eine Gruppe gesprochen wird, stellen wir deshalb immer auch die Frage: Wer spricht hier für wen und aus welchen Interessen? Zum Beispiel reflektieren der cfd und die Partnerorganisationen bei der Debatte rund um religiöse Kleidung auch die Frage: Wer bestimmt, ob Frauen (in der Schweiz oder den Partnerländern) sich wie bedecken oder entblössen sollen? Wessen und welche Interessen stecken hinter Kleidervorschriften beziehungsweise hinter der Debatte darum?

Es geht deshalb auch darum, Räume und Gelegenheiten zu schaffen, dass die Stimmen aller gehört werden. Zum Beispiel von Migrantinnen in der Schweiz, wie der cfd-Film «Wir Mitbürgerinnen» von 2015 aufzeigt. Oder auch von jungen Frauen in Bosnien-Herzegowina. «Sprecht nicht in unserem Namen, wir sprechen für uns selbst!», ist auch für Vedrana Frasto ein zentrales Leitmotiv der Arbeit von CURE.

Die Organisation CURE bleibt in Kontakt mit ehemaligen und aktuellen Projektteilnehmer*innen und vernetzt diese untereinander. Diese lokalen Netzwerke von ähnlich gesinnten Mädchen, Frauen und je nach Organisation und Thema auch Männern sind äusserst wichtig. Sie können sich in ihren Anliegen und Aktionen gegenseitig bestärken, unterstützen und besser mobilisieren. CURE orientieren sich an folgendem Zitat, das Margaret Mead zugeschrieben wird: «Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe umsichtiger, engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art, wie es jemals geschah.» Die Vernetzung wirkt zudem Isolation, Frustration und Angst entgegen. Denn sich öffentlich für Frauenrechte, gegen geschlechterspezifische Gewalt und wie CURE auch explizit für LGBTIQ-Rechte einzusetzen, bedeutet, Verhöhnungen, Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt zu sein.

Solidarität, Austausch und Vernetzung mit Feminist*innen sind denn auch oft genannte Wünsche der Partnerorganisationen an den cfd. Der cfd organisiert deshalb immer wieder Partnerworkshops in den Regionen oder lädt zum Beispiel während der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» jeweils Partnerorganisationen in die Schweiz ein. 

Feminismus und Friedenspolitik gehören zusammen

Der cfd und seine Partnerorganisationen verstehen ihre Arbeit explizit als friedenspolitische Arbeit. Auch für CURE ist klar: «Wenn wir über Feminismus sprechen, müssen wir auch über Frieden, Abrüstung, Erinnerungen und Geschichte sprechen. Es geht um Gleichberechtigung und Frieden zwischen Geschlechtern, Nationen, Ethnien etc. Friedensförderung ist deshalb eines der wichtigsten Elemente des Feminismus.» Als feministische Friedensorganisation orientiert sich der cfd an einem weiten oder positiven Friedensbegriff, der nicht nur die Abwesenheit von Krieg oder physischer Gewalt bedeutet. Frieden bedeutet auch Gleichberechtigung und Gerechtigkeit für alle Menschen unabhängig ihrer Herkunft, ihres (biologischen und sozialen) Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihres sozialen Status, ihrer politischen oder religiösen Überzeugungen. Diese Vision einer gerechten Gesellschaft verbindet den cfd und die Partnerorganisationen.

Nina Hössli  cfd-Programmverantwortliche Südosteuropa
cfd-Zeitung 1-2017