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Schreinerinnen ihres Glücks in Gaza

In einem kleinen Dorf im Norden des Gazastreifens schreinern Frauen schöne Holzspielsachen, mit denen Kinder schon in vielen Kindergärten spielen. Das auch ökologisch und wirtschaftlich nachhaltige Projekt verändert die sehr traditionelle beduinische Gemeinschaft und eröffnet nicht nur den Frauen neue Wege.

Am Anfang hatte die 26-jährige Ghadeer Tayeh Respekt davor, die Säge-, Fräse- und Hobel-Maschinen in der Schreinerei zu bedienen. Mittlerweile macht ihr dies keine Mühe mehr. Sie hat ihre technischen Fertigkeiten stark verbessert und geht geübt mit den Maschinen um. Ghadeer kommt aus einer Grossfamilie. Ihr Vater war Zimmermann und Schlosser und hatte eine eigene Werkstatt, wo Ghadeer von klein auf mitgeholfen hat. Nach dem Tod ihres Vaters – er ist in einem der letzten Kriege umgekommen – hat einer ihrer sechs Brüder die Werkstatt übernommen.

Ghadeer hat die Matura gemacht und geheiratet. Sie und ihr Mann leben mit ihren beiden Kindern, einem sechsjährigen Sohn und einer fünfjährigen Tochter in Um al Nasser im Norden von Gaza. Das kleine Dorf liegt direkt an der israelischen Grenze. Wie viele Männer im Gazastreifen ist auch Ghadeers Mann arbeitslos und das Geld ist knapp für die Familie.

Als Teilnehmerinnen für die Ausbildung im Zeina Frauenzentrum gesucht wurden, war Ghadeer sofort von der Idee begeistert, wieder in einer Schreinerei zu arbeiten. Obwohl sie das Schreinern sozusagen im Blut hat, musste sie viel Überzeugungskraft aufbringen, bis ihr Ehemann einwilligte. Auch ihre Brüder waren zuerst dagegen und übten Druck auf ihren Ehemann aus, damit er Ghadeer die Teilnahme verbiete. Als ihre Familie sich vergewisserte, dass im Zentrum nur Frauen arbeiten, und ihr Ehemann realisierte, dass dies wirklich ihr Traum war, willigten sie schliesslich ein. Ghadeer ging es auch darum, ihren Brüdern zu beweisen, dass sie schreinern kann. Und dass sogar das Bedienen der schweren Maschinen für Frauen möglich ist. Damit durchbricht sie gleich mehrere der traditionellen Rollenmuster.

Wichtiger Treffpunkt für Frauen

Seit seiner Entstehung Ende 2015 hat sich das Zeina Frauenzentrum in Um al Nasser zu einem wichtigen Treffpunkt für die Frauen der Region entwickelt, auch der einzige weit und breit. Zum Zentrum gehört ein Kindergarten sowie die Holz- und die Textilwerkstätten, wo Ghadeer arbeitet. Im Rahmen des neuen Projekts Saida – Glück unterstützt der cfd seit Januar 2017 die Ausbildung von Beduininnen in diesen Werkstätten. Hier produzieren Frauen hochwertige Holz- und Textilspielsachen für rund 35 Kindergärten und Tagesstätten in Gaza. Aus dem Erlös der verkauften Spielsachen erhalten die Beduininnen ein regelmässiges eigenes Einkommen.

Die Beduininnen leben in einem stark traditionellen und konservativen Umfeld. Die patriarchalen Strukturen schränken sie sehr ein. In der beduinischen Kultur sind die Frauen traditionell ans Haus gebunden und für die Kindererziehung zuständig. Sie dürfen kaum alleine aus dem Haus gehen und nur selten eine berufliche Tätigkeit aufnehmen. Beduinische Frauen sind grundsätzlich stark vom Ehemann und von anderen männlichen Familienmitgliedern abhängig. Gleichzeitig ist die Armutsrate sehr hoch und das Bildungsniveau niedrig.

Ausbildung und wirtschaftliche Teilhabe, die im Projekt gefördert werden, entschärfen die finanzielle Abhängigkeit der Frauen. Die Frauen gewinnen auch gewisse Freiräume, Kontakt- und Bildungsmöglichkeiten. Durch den Zuverdienst erwirtschaften sie sich eine stärkere Stellung innerhalb der Familie und erhalten mehr Anerkennung. Auch Ghadeer hat durch die Arbeit und die Erfolge in der Schreinerei mehr Selbstvertrauen gewonnen. Dank ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung arbeitet sie heute als Teamleiterin und unterstützt ihre Kolleginnen.

Nachhaltig auf allen Ebenen

23 junge Beduininnen werden im Projekt ausgebildet. Gemäss dem Grundsatz Hilfe zur Selbsthilfe werden die Frauen aber auch darin unterstützt, Schritt für Schritt mehr Verantwortung in der Führung des Zentrums zu übernehmen. Die Mitarbeiterinnen des Zentrums werden im Management ausgebildet, damit sie die Empowerment-Programme für Frauen und die nachhaltigen Entwicklungsprogramme der Gemeinde selbständig durchführen können. Durch die Produktion in der Textil- und Holzwerkstatt des Zentrums verbessern sich die wirtschaftlichen Lebensbedingungen der Beduininnen. Die Aktivitäten werden laufend weiter entwickelt. Die Frauen legen Wert auf vielfältige und qualitativ hochwertige Spielsachen, für die sie eine Verkaufs- und Marketingstrategie entwickeln.

Das Zeina Frauenzentrum baut auf den materiellen und persönlichen Ressourcen der Menschen von Um al Nasser auf. Die Projektteilnehmerinnen werden in alle Phasen der Umsetzung des Projekts miteinbezogen, wodurch sie sich stark mit dem Zentrum identifizieren. 2017 werden die Werkstätten in eine Kooperative umgewandelt, was den Beduininnen mehr Teilhabe und Verantwortung aber auch Anteil am Eigentum und Gewinn überträgt.

Die lokal hergestellten Holz- und Textilspielsachen heben sich qualitativ stark von importierten, billigen Plastikspielsachen ab. Im Kindergarten des Zentrums können die Prototypen gleich ausgetestet werden, bevor sie in grösseren Mengen hergestellt werden. In der palästinensischen Bevölkerung hat Bildung generell einen hohen Stellenwert. Eltern bevorzugen pädagogisch wertvolle Spielsachen, um ihre Kinder schon in jungen Jahren zu fördern. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach schönen Spielsachen aus den Werkstätten des Zeina Frauenzentrums, deren Entwicklung von Fachleuten aus Pädagogik und Design begleitet wird. Bereits in 20 Kindergärten im Gazastreifen spielen Kinder mit Holztieren und Stoffpuppen aus Um al Nasser, zehn weitere Kindergärten haben Bestellungen aufgegeben. Geplant ist auch, die Spielsachen in die Westbank zu exportieren.

Die Spielsachen werden aus ökologisch abbaubaren Materialien hergestellt. Das Rohmaterial wird kostengünstig innerhalb von Gaza oder aus Israel eingekauft. Wenn die Grenzübergänge geöffnet sind, wird Holz und Stoff auf Lager gekauft, damit die Produktion möglichst nicht durch Importstopps behindert wird. Die Elektrizität für die Werkstätten mit ihren Maschinen erzeugen Solarpanels auf dem Dach des Zentrums. So ist die Produktion nicht von Generatoren oder der ungenügenden Elektrizitätszufuhr aus dem öffentlichen Stromnetz abhängig. Wenn sie sich bewährt und etabliert haben, sollen diese neuen ökologischen Ansätze der ganzen Bevölkerung von Um al Nasser zugute kommen.  

Stolz auf das Erreichte

Das Zeina Frauenzentrum führt auch Sensibilisierungskampagnen für Frauenrechte und für die soziale Entwicklung von Beduininnen durch. Dazu trifft sich eine Fokusgruppe regelmässig. Sie entwickeln Arbeitsmaterialien und eine Broschüre, die sie an interessierte Frauen und Männer im Dorf verteilen und so die soziale Transformation der konservativen Gemeinschaft gestalten und voranbringen. Durch ihre Arbeitstätigkeit hat Ghadeer gelernt, auch zu Hause Prioritäten zu setzen und den Tag zu planen. Sie findet sie sei effizienter geworden. Der Ehemann unterstützt sie zu Hause, er räumt auf und macht mit den Kindern Hausaufgaben. Über das Geld, das sie in der Werkstatt verdient, kann Ghadeer selber bestimmen. Das Meiste gibt sie für Kosten im Haushalt aus. Sie ist stolz auf das, was sie erreicht hat, und träumt davon, die Möbel für ein eigenes Schlafzimmer zu schreinern. Und sie hat Pläne: «Am liebsten möchte ich eine Berufsausbildung als Schreinerin absolvieren. Wer weiss, vielleicht könnte ich damit sogar ein eigenes kleines Geschäft aufbauen und so das Einkommen für unsere Familie sichern.»

Valentina Maggiulli  Programmverantwortliche Nahost
Regula Brunner  Kommunikation