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CFD

Empowerment statt Hilfe

Der cfd fördert den Einstieg von Migrantinnen in qualifizierte Berufe und ihre Mitbestimmung in der Politik. Angefangen hat das Engagement vor zwanzig Jahren mit der „Migrantinnenwerkstatt wisdonna“.Projekte mit Migrantinnen statt Hilfe für sie, war der Grundsatz. 

wisdonna war das Dach für verschiedene Aktivitäten, die der cfd 1996 mit Migrantinnen lancierte: Ein Programm an Weiterbildungen, politische Interventionen zur Migrationspolitik und einen Treffpunkt. Der Treffpunkt, genannt wiscafé, wurde am 19. August 1996 an der Mattenhofstrasse in Bern eröffnet. Jelena Mitrovic hat das wiscafé regelmässig besucht und erinnert sich, dass es ihren Bedürfnissen genau entsprach: „Das wiscafé war wie ein zweites zu Hause, die Räumlichkeiten hatten etwas sehr Warmes. Es gab keine strenge Regeln, sondern es war ein Treff zum Austausch, aber nicht nur so tralala plaudern, sondern auch etwas Konkretes lernen.“

Gelebte Partizipation

Theodora Leite Stampfli, heute Programmverantwortliche Migration im cfd, koordinierte seit 1996 den kulturellen Teil von wisdonna: „Die Frauen konnten im wiscafé wie am Dorfbrunnen ins Gespräch kommen und Projekte entwickeln. Wichtig war uns, dass die Ideen von den Frauen kamen, nicht vom cfd. Als Koordinatorin habe ich zugehört, am Geschehen teilgenommen und die Bedürfnisse der Frauen umgesetzt.“Zum Konzept gehörte, dass Frauen im Rahmen von wisdonna verschiedene Rollen wahrnehmen konnten. Manche regten nicht nur Themen an, sondern leiteten die Kurse gleich selbst. Liliane Schär, eine Anwältin aus Kamerun, hat einen Computerkurs in wisdonna besucht und leitete dann einen Kochabend, an dem Frauen lernten, Gerichte aus Kamerun zuzubereiten. Dabei ging es nicht nur ums Essen, sagt Schär 1998 in einem Interview: „Ziel ist vor allem, durch die Gespräche ein bestimmtes Land und das Leben der Frauen dort kennen zu lernen. Die Teilnehmerinnen waren Schweizerinnen und Migrantinnen aus verschiedenen Ländern, die Atmosphäre sehr familiär, vor allem als wir in die Küche gingen, um zusammen zu kochen.“ Das cfd-Dossier „Migration findet statt“ (1999) stellt diesen partizipativen Ansatz von wisdonna folgendermassen vor: „Frauen, die trotz ihrer Fachkenntnisse in der Schweiz keinen Zugang zu ihrem Berufsfeld haben, sollen (Weiter-)Bildungschancen erhalten. Im Herbst 1996 werden die ersten Kurse angeboten: Eine Kinderärztin aus Brasilien informiert über Infektionskrankheiten, eine bosnische Betriebswirtschafterin führt ins PC-System ein und eine portugiesische Lehrerin beleuchtet das schweizerische Schulsystem.“ Im Kursprogramm waren der Computerkurs und die Konversationsgruppe Deutsch beliebt. Der Deutschkurs fand nicht immer im Treffpunkt statt, die Leiterin ging mit den Teilnehmerinnen ins Kaufhaus oder in die Arztpraxis, um Gesprächssituationen vor Ort zu üben. Auch politisch relevante Themen griff wisdonna auf. So zeigte eine Weiterbildung über häusliche Gewalt und Migration die Rechte von Betroffenen auf und thematisierte Vorurteile, die in diesem Bereich kursierten.

Bei wisdonna kamen Frauen unterschiedlicher Herkunft zusammen, Migrantinnen und Schweizerinnen. Die Mischung war vor zwanzig Jahren innovativ. Die meisten Bildungs- und Beratungsangebote für Ausländerinnen richteten sich an eine bestimmte Nationalität. Anna Paula Sardenberg, in Brasilien aufgewachsen und seit 1992 in der Schweiz, erinnert sich: „Durch wisdonna traf ich damals Frauen aus Ländern, von denen ich auf der Weltkarte nachschauen musste, wo sie liegen: aus dem Libanon, aus Israel, Pakistan oder der Türkei. Es war sehr spannend, mit Frauen aus aller Welt in Kontakt zu kommen.“ Eine Mehrheit der wisdonna-Frauen hatte genug davon, auf ihren Status als Migrantin reduziert zu werden. Sie brachten vielfältige berufliche Qualifikationen, Wissen und Erfahrungen mit. Sie vermissten, mit ihren persönlichen Kompetenzen wahrgenommen zu werden und diese einbringen zu können. Die Frauen kämpften gegen das stereotype Bild der Ausländerin, die kocht oder tanzt. Sie waren keine homogene Gruppe, sondern brachten unterschiedliche Lebensstile und Auffassungen mit, was manchmal zu Auseinandersetzungen führte, auch dies eine Funktion des Raumes wisdonna und des Empowermentprozesses. Gemeinsam war den Bildungsangeboten, dass sie auf den spezifischen Ressourcen der Migrantinnen bauten. Bei diesen Ressourcen setzte die Wissenswerkstatt an. Mit Empowerment sollte wisdonna die Position von Migrantinnen in der Schweizer Gesellschaft stärken. Eine Besucherin formulierte es so: „Empowerment ist die Bewegung von ‚Ich kann nicht‘ zu ‚Ich kann etwas‘. Von den Frauen, die hierher kommen, hörte ich im ersten Kurs häufig, dass sie sagten, ‚Ich kann nicht‘. Wenn sie weggehen, dann sagten sie, ‚Doch, ich kann es‘. Sie überlegen bereits, was sie noch weiter schaffen können. Dadurch ist der Prozess wie eine Erweiterung von ihrem Möglichkeitsspektrum.“ Empowerment wirkt auf mehreren Ebenen: Auf der individuellen Ebene hat wisdonna den Handlungsspielraum von Besucherinnen, Kursleiterinnen und Mitarbeitenden erweitert. Eine andere Ebene ist das Umfeld: Die neue Position der Migrantinnen hat vorgefasste Meinungen einiger eingesessener BernerInnen ins Wanken gebracht und Kräfteverhältnisse verändert. Eine erwünschte Wirkung, wie der cfd 1996 schrieb: „Damit ist wisdonna auch ein Ort der politischen und feministischen Alphabetisierung für SchweizerInnen.“ wisdonna hat sich beispielsweise an der Vernehmlassung des Integrationsleitbildes der Stadt Bern beteiligt. Gemeinderätin Joy Matter, die dieses Leitbild als Schuldirektorin initiierte, bezog die wisdonna-Frauen mit ein, hörte ihnen zu und unterstützte sie. Andere Politikerinnen und engagierte Frauen, die den Austausch mit wisdonna pflegten, waren Gerda Hauck, Anni Lanz, Corinne Schär, Dori Schär-Born, Ruth-Gaby Vermot-Mangold, Anni Hefti und weitere.Die kritische Öffentlichkeitsarbeit war und ist weiterhin ein wichtiges Arbeitsfeld des cfd. wisdonna-Akteurinnen traten mit Podiumsdiskussionen und Weiterbildungen für Fachpersonen an die Öffentlichkeit. Referiert haben Mitarbeiterinnen ebenso wie Kursteilnehmerinnen. Hinzu kamen schriftliche Stellungnahmen. Die cfd-Dossiers stellten Vorurteile gegenüber Migrantinnen in Frage. Wer das cfd-Dossier „Migration findet statt“ von 1999 liest, staunt über die Weitsicht und Aktualität der Analysen. Auf vielen Ebenen setzten die Aktivitäten von wisdonna also den gängigen, oftmals negativ konnotierten Vorstellungen über Migrantinnen neue Handlungsentwürfe entgegen.

Mentoring in der Arbeitswelt und Politik

1996-2006 hatte wisdonna eigene Räumlichkeiten an der Mattenhofstrasse 28. Danach zog der Treffpunkt in die Räume des cfd am Falkenhöhenweg um. Langfristige Projekte, welche die wisdonna-Koordinatorinnen entwickelten und umsetzten, erhielten mehr Gewicht. Ein erfolgreiches Beispiel ist das Berufsmentoring für gut qualifizierte Migrantinnen. Seit 2007 haben in elf Zyklen rund 189 Migrantinnen daran teilgenommen (vgl. Kasten). Silvana Wernli hat am ersten Zyklus des cfd-Berufsmentorings teilgenommen. Sie kam 2002 aus Argentinien in die Schweiz und lebt heute mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Gemeinde Wünnewil im Kanton Freiburg. Nach dem Umzug in die Schweiz schloss sie zunächst ihr Studium in Kommunikationswissenschaft in Argentinien auf dem Fernweg ab. Ihr Einkommen verdiente sie als Verkäuferin bei einem Grossverteiler. Die ersten fünf Jahre kommen Wernli rückblickend vor wie „Kindergartenjahre“: „Am Anfang war viel zu viel neu. Auch Kleinigkeiten musste ich neu kennen lernen: Abfall zu entsorgen, eine Fahrkarte zu lösen, die Steuererklärung auszufüllen.“ Nach dem Studium suchte Wernli eine Arbeit, die ihrer Ausbildung entsprach. Als sie realisierte, dass der Stellenmarkt ganz anders als in Argentinien funktionierte, kontaktierte sie zunächst ihre Wohngemeinde. Dort hiess es, man könne sie nicht beraten. „Dann habe ich gegoogelt und gesehen: „Aha, es gibt den cfd“. So habe ich das Berufsmentoring gefunden.“ Die Mentorin hat ihrer Mentee ein Praktikum bei einer kleineren Friedensorganisation vermittelt, für die Wernli eine Fotoausstellung organisierte. Bei dieser Tätigkeit gab es manchmal keinen Feierabend. „Wenn die Stellwände für die Ausstellung noch nicht da waren, habe ich das von zu Hause aus organisiert.“ Weil das Praktikum unbezahlt war, arbeitete Wernli weiterhin als Kassierin. Ihre Tochter war damals einjährig. Nur dank Unterstützung der Familie, der Nachbarin und einer flexiblen Kita brachte sie alles unter einen Hut, sagt Wernli heute. Bis sie eine Stelle als Mitarbeiterin Empfang bei der Verwaltung des Kantons Berns bekam, dauerte es noch Jahre. Doch das übers Berufsmentoring vermittelte Praktikum war ein Meilenstein für den Einstieg in einen Arbeitsbereich, der ihrer Ausbildung näher kam. Neben Arbeit und Familie begann Wernli, sich in der Gemeindepolitik zu engagieren. Seit 2010 ist sie Mitglied der Integrationskommission in Wünnewil und Projektkoordinatorin des kommunalen Projekts "Gemeinsam in Wünnewil-Flamatt", das zum Integrationsprogramm des Kantons Freiburg gehört. Im Projekt geht es darum, EinwohnerInnen als VernetzerInnen auszubilden. „Hier kann ich wirklich alles von mir geben: Veranstaltungen und Projekte planen, durchführen, evaluieren, usw. Meine Gemeinde hat mir viele Türe zum Mitwirken geöffnet.“, meint Silvana Wernli dankbar. Parallel dazu nahm sie am cfd-Projekt Politisches Mentoring für Migrantinnen teil. Das Projekt ermöglichte ihr, ihre Kenntnisse über politische Prozesse in der Schweiz zu vertiefen, Kontakte zu knüpfen und sich dadurch stärker in Entscheidungsprozesse einzubringen. Der Austausch mit ihrer Mentorin, einer Politikerin aus Wünnewil, half Silvana Wernli unter anderem, erste Erfahrungen in der Politik einzuordnen; beispielsweise, harsche Reaktionen nicht persönlich zu nehmen. „Im Gespräch mit meiner Mentorin realisierte ich, dass es in der Politik manchmal so zu- und hergeht und dass die Äusserungen nicht gegen mich als Mensch gerichtet sind.“ Vor den Gemeinderatswahlen in Wünnewil im Februar 2016 haben drei Parteien Silvana als Kandidatin für ihre Liste angefragt. Silvana Wernli sagt, der cfd habe einen wichtigen Beitrag dazu geleistet.

Zur Wirkung von wisdonna

Den in diesem Artikel erwähnten Frauen ist es gelungen, sich beruflich, politisch und sozial einzubringen und teilzuhaben. In der täglichen Berichterstattung über Migration fehlen solche positiven Geschichten weitgehend. Meist wird Migrationspolitik in den Medien als nahezu unlösbares Problem präsentiert. Die stille Arbeit im Hintergrund wird ausgeblendet. Dabei prägen die Geschichten gelungener Integration den Schweizer Alltag womöglich mehr als die Probleme. Fragt sich, wie es mit der Wirkung der Migrantinnenwerkstatt wisdonna und den Nachfolgeprojekten steht. Tragen die Projekte dazu bei, dass sich die Handlungsmacht der Migrantinnen vergrössert? Gibt es Hinweise auf gesellschaftliche Veränderungen zugunsten der Migrantinnen, die der Empowerment-Ansatz begünstigt hat? Zu diesen Fragen erarbeiten die Programmverantwortlichen Migration derzeit eine Studie, für die sie ehemalige Projektteilnehmerinnen interviewen.

Berufsmentoring für qualifizierte Migrantinnen

Das Berufsmentoring vermittelt gut qualifizierten Migrantinnen den Zugang zu Informationen, informellen Kontakten und Netzwerken der Arbeitswelt. Mentorinnen, Berufsfrauen ähnlicher Qualifikationen, geben ihren Mentees Einblick in Arbeitsfelder, die ihnen entsprechen. Indem sie die Mentees begleiten, werden sie werden zu Multiplikatorinnen, die ArbeitgeberInnen, Institutionen und Freundeskreis sensibilisieren. Gleichzeitig erweitern die Teilnehmerinnen ihre Fähigkeiten in Kompetenz-Workshops. Zudem führen sie selber einen Workshop zu einem Thema ihrer Wahl durch. Dieses Training in Öffentlichkeitsarbeit erleichtert den Migrantinnen den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt.

Aglaia Wespe, Programmverantwortliche Migrationspolitik
Mitarbeit: Theodora Leite Stampfli, Regula Brunner