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Erinnern, berühren, dokumentieren

Die Fotografin und Menschenrechtsaktivistin Anne Paq arbeitet seit mehreren Jahren in Palästina. An den Aktionstagen zu 10 Jahren Gaza-Blockade stellte sie im Mai 2017 in Bern die Webdokumentation «Obliterated Families» (Ausgelöschte Familien) vor, die sie zusammen mit der Reporterin Ala Qandil produziert hat.

Du lebst und arbeitest seit langem in Palästina. Wie ist das Leben für die Menschen da?

Anne Paq: Die Situation in Palästina ist sehr schwierig zu verstehen. Als TouristIn bekommt man leicht einen falschen Eindruck, es sei gar nicht so schlimm. Um die Auswirkungen der militärischen Besatzung auf die PalästinenserInnen zu kennen, muss man sich Zeit nehmen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Die PalästinenserInnen sind sehr gastfreundlich und möchten nicht, dass die Leute sich unwohl fühlen. Jede Familie ist betroffen, hat Familienmitglieder, die im Gefängnis sind oder getötet wurden. Die israelische Armee kommt in Bethlehem zum Beispiel beinahe jede Nacht vor allem in die Flüchtlingslager und verhaftet junge Leute, Kinder. Wer in einem Hotel nebenan wohnt, merkt das nicht unbedingt. In der Westbank ist die Militärpräsenz sehr sichtbar, alle paar Kilometer kommt man an einen Checkpoint. In Gaza ist die Situation anders. Gaza ist ein grosses Gefängnis. Auch wenn seit 2005 keine israelischen Soldaten mehr da sind, kontrolliert die israelische Regierung den Gazastreifen.   

Wie war es in Gaza nach dem Krieg im Sommer 2014?

Als ich im September 2014 nach Gaza zurückging, war von den vielen Medien-Teams, die im Sommer vor Ort waren, niemand mehr da. Es entstand der falsche Eindruck, in Gaza sei «Normalität» zurückgekehrt, während in Gaza nichts normal ist, wenn man unter militärischer Besatzung lebt und es beinahe täglich Angriffe gibt. Vor kurzem wurde ein Fischer auf seinem Boot getötet, es gibt Angriffe gegen Bauern, an der Grenze etc. Zudem alle Probleme des täglichen Lebens: Stromunterbrüche, nur drei bis vier Stunden Elektrizität pro Tag, verschmutztes Wasser, kein Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, schlechte hygienische Bedingungen und vor allem keine wirtschaftlichen und politischen Perspektiven. Markant an der Offensive von 2014 war, dass ganze Familien ausgelöscht wurden. Meist wird von Opferzahlen, von Statistiken geredet. Wer aber waren diese Leute? Was ihre Geschichte, ihre Träume, ihre Hoffnungen? Wir haben versucht, intime Porträts der Familien zu zeigen. Wir möchten mit dem Projekt eine nähere Verbindung schaffen. Wir wollten vom Leben in Gaza jenseits der Angriffe erzählen, vom Alltagsleben.  

Was bedeuten die Fotos den betroffenen Menschen in Gaza?

Bei activestills glauben wir an die Macht der Fotografie, um zu sensibilisieren. Es hat einen Wert und ist auch ein Impuls der Solidarität, an der Seite der PalästinenserInnen zu sein während der Angriffe. Ich war Zeugin, als Personen in ein Spital gebracht wurden, die von israelischen Granaten in einer stark bewohnten Gegend getroffen wurden. Diese Opfer sind Zivilpersonen, es sind Kinder, Frauen, Familien. Diese Fotos zu machen und zu veröffentlichen ist eine Erinnerungsarbeit. Und es ist eine Arbeit auf der Ebene der Dokumentation. Ich habe auch Resten von Waffen fotografiert, zum Beispiel ein Stück einer Rakete. Der Vater von Afnan, dem Knaben, der durch diese Rakete getötet wurde, hat mich auf ein kleines Teil aufmerksam gemacht, auf dem «FR» (France) vermerkt war. Die Familie hat nun gegen diese französische Firma geklagt, die den Bestandteil dieser Rakete hergestellt hat. Aber das Wichtigste ist, zu berühren und diese Leute als Personen darzustellen mit Rechten, mit einem Leben wie Leute anderswo. Wenn man die Gesichter vor sich hat, ist es viel schwieriger, sich davon zu distanzieren.  

Gibt es für dich Grenzen dessen, was man fotografieren kann und welche?

Dieses Projekt war sehr schwierig, weil wir die Familien getroffen haben, als sie noch unter Schock standen. Diese Arbeit zu tun und nicht zusätzlich Leiden zu verursachen, diese Grenze war sehr fragil. Wir haben versucht, uns Zeit zu nehmen und sehr sensibel und respektvoll umzugehen. Wenn es für eine Familie zu viel wird, muss man aufhören können und vielleicht später wiederkommen oder ein anderes Familienmitglied interviewen. Wir haben immer wieder das Einverständnis der Familien eingeholt. Alles, was Fotos von Frauen betrifft, ist in Gaza sehr sensibel. Es war wichtig, sich zu versichern, dass es in Ordnung ist, Frauen zu fotografieren, auch bei Fotos von Erinnerungsaufnahmen.  

Du bist ursprünglich Politologin, wie bist du zur Fotografie gekommen?

Nach einem Diplom in internationalen Menschenrechten wollte ich Erfahrungen vor Ort sammeln und kam eher zufällig nach Palästina. Fotografieren war mein Hobby. Ich arbeitete als Juristin in NGOs und habe gemerkt, dass die Fotografie ein sehr wirksames Mittel ist, um über die Situation zu reden und die Leute zu berühren. Die Arbeit an «Obliterated Families» war meine schwierigste Arbeit aber auch eine Arbeit, auf die ich ein wenig stolz bin. Diese Familien haben uns ihre Häuser, sofern sie noch standen, und ihre Herzen in sehr schwierigen Momenten geöffnet. Es ist uns wichtig, zu mobilisieren und zu kämpfen gegen eine gewisse Müdigkeit gegenüber dem, was in Palästina passiert. Dahinter stehen die Menschen, die seit sehr langem leiden.