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Interview mit Sibylle Rothkegel, Traumatherapeutin

Wie schätzen Sie die Lage für die Menschen in Gaza ein? Wie geht es den BewohnerInnen nach dem letzten Krieg vor zwei Jahren?
Der Gazastreifen ist übervölkert, schätzungsweise 2/3 der BewohnerInnen leben dort als Flüchtlinge seit dem 1948/49 Krieg nach der Gründung des Staates Israel. Das bittere Elend der Bevölkerung ist deutlich spürbar, besonders natürlich in den Vierteln, in denen durch die  Bombardierungen Häuser zerstört sind und Menschen unter kaum vorstellbaren hygienischen Bedingungen in Ruinen leben. Die BewohnerInnen fühlen sich eingeschlossen, denn nur ein kleiner Teil von ihnen kann legal aus dem Gazastreifen ausreisen. Sie sind sowohl in der Wasser- und Stromversorgung als auch der Telekommunikation von ausländischer Hilfe und der Autonomiebehörde in Ramallah abhängig und äußern immer wieder ihre Angst, „von der übrigen Welt vergessen zu werden“. Auch ist die Hamas sehr und ihre restriktive Politik sehr präsent. Das betrifft natürlich ganz besonders die Frauen, die kaum Rechte haben und vor häuslicher Gewalt wenig geschützt werden. Außerdem sitzt die Angst vor einem neuen Krieg mit Israel tief.
Wie in anderen Kriegs- und Krisengebieten korrespondieren zentrale soziale Prozesse mit bestimmten psychischen Prozessen.
Die Bedrohung ist chronisch und somit wird auch die Angst chronisch. Chronische Angst ist die gesellschaftliche Begleiterscheinung der Lebensverhältnisse in Kriegs- und Krisengebieten. Zum Verhaltensgrundmuster gehören ständige Vorsicht und Zurückhaltung. Gefühle und Meinungen, insbesondere wenn sie die eigene Schwäche signalisieren, werden nur noch sehr zurückhaltend ausgedrückt. Diese Kultur des Schweigens isoliert die einzelnen und schwächt Familien und Gruppen, da die Menschen das, was sie beschäftigt, nicht mehr miteinander teilen. Die unterdrückten Affekte brechen aber schließlich doch durch, meist im Zusammenhang von Gewaltausbrüchen, was die Angst vergrößert und das Schweigen entsprechend vertieft. Dieses Klima führt bei vielen Betroffenen zu psychosomatischen Erkrankungen, Medikamenten- und Drogenmissbrauch.
Der erste Blick fällt also auf ein sehr trostloses Bild.  Erst beim zweiten und dritten tieferen Blich zeigt sich die Vielfältigkeit der Gesellschaft in Gaza: beispielsweise die Frauen, die sich weigern, ein Kopftuch zu tragen, diejenigen, die im Dunkeln heimlich im Meer schwimmen gehen, junge Leute, die mit Kreativität gegen die Hamas und gegen Israel protestieren, Frauen und Männer, die gegen Gewalt an Frauen und Kindern eintreten und die, die in einem schützenden familiären Umfeld leben und durch den Zusammenhalt gestärkt sind.

Wie erleben Sie die Frauen in ihrer Arbeit?
Sie haben sich den direkten Zugang zur Basis aufgebaut, arbeiten auch aufsuchend, was z. B. im Bereich häuslicher Gewalt, aber auch in Krisengebieten, wo ein großer Teil der Bevölkerung traumatisiert ist, von größter Wichtigkeit ist.  Sie leisten wichtige Arbeit, indem sie mit Betroffenen sprechen, zuhören, Trauerprozesse begleiten, bei Familienkonflikten beraten und für Entspannungsmomente sorgen oder gar beim Aufbau einer unabhängigen wirtschaftlichen Existenz, der Verbesserung der beruflichen Laufbahn, Erkennen von Fähigkeiten etc. unterstützen und so sehr viel für Gesundheit ihrer KlientInnen (Frauen und Kinder) tun.

Sie waren und sind (im Gazastreifen und in der Westbank) aber – genau wie ihre KlientInnen selbst betroffen von der politischen und gesellschaftlichen Situation, in der sie leben. Es ist nicht zu verhindern, dass schwere Traumatisierungen zu Konsequenzen auch bei den Menschen führen, die Fachleute sind. Im Gazastreifen und in Westbank kann man von einer doppelten Traumatisierung der helfenden Fachpersonen sprechen: zum Einen unmittelbar durch die eigenen Kriegs-und Gewalterfahrungen und zum Anderen mittelbar durch die sekundären Traumatisierungen, die in der Konfrontation mit dem Leid der Anderen zustande kommen. Deshalb ist zum Einen kontinuierliche Supervision, aber auch Fortbildung von außen notwendig.

Wie können Traumata grundsätzlich bearbeitet, wenn möglich verarbeitet, werden?
Traumatische Widerfahrnisse, insbesondere wenn sie kumulutav und in mehreren Sequenzen auf die Betroffenen einwirken, so, wie das in Palästina der Fall ist, zeigen sich immer im psychischen, somatischen und sozialen Bereich.
Es geht in beiden Teilen Palästinas darum, lokale Vernetzungen zu verbessern und gleichzeitig die Möglichkeit zu schaffen, dass sich Professionelle, die alle ebenso wie ihre Klienti_nnen in einem Umfeld von Krieg und Zerstörung leben, so gut als möglich gegenseitig helfen und ihre Arbeitsfähigkeit weitgehend erhalten. Für die Bearbeitung von Traumata gilt grundsätzlich soziale Unterstützung als zentraler Punkt.Was kann die Trauma-Therapie bewirken?

Wie verbessert sich das Leben dadurch für die Menschen?
Die Kolleginnen in Gaza führen keine eigentliche Traumatherapie durch. (Es fehlt zum Einen die fundierte Ausbildung und zum Anderen wurde auch seitens des  cfd Wert auf die psychosoziale Ausrichtung des Projektes gelegt). Ich würde das vielmehr „traumsensibler Umgang bzw. Beratung im Kontext psychosozialer Interventionen“ nennen.  
Der psychosoziale Ansatz fordert, dass  Mehrdimensionalität  (gegenseitige Beeinflussung von Psyche, sozialer Umwelt und  Lebensumfeld)  bewusst berücksichtigt und bearbeitet wird. Werden Menschen  angeregt und darin bestärkt, eigene Gefühle und ihre Beziehungen zur Umwelt wahrzunehmen und sich für die Gestaltung  ihres Lebensumfeldes selbst einzusetzen, so entwickeln sich dadurch Heilungsprozesse, indem sie sich nicht mehr als passive Objekte, sondern aktive Subjekte empfinden.  Genau das ist im Grunde auch das Ziel jeder Traumtherapie.

Was kann ein künstlerischer Zugang, eine künstlerische Auseinandersetzung mit der erlebten Gewalt zur Bearbeitung von Traumata beitragen? Welche Begleitmassnahmen sind dazu nötig oder sinnvoll?
Eine künstlerische Auseinandersetzung mit erlebter Gewalt kann sehr viel zur Bearbeitung von Traumata beitragen, zum Einen hilft sie den Menschen, die aus verschiedenen Gründen  nicht in der Lage sind, sich verbal auszudrücken, dennoch ihr Leid zu zeigen und zum Anderen entdecken  sie möglicherweise dadurch Fähigkeiten, die bisher  brach lagen.  Kreative Methoden können also Teil von Empowerment sein. Das Kernstück jeglicher traumasensibler Beratung ist aber immer auch ein sorgfältiger Aufbau von Beziehung, und Begleitmaßnahmen könnten dann auch psychosoziale Interventionen sein (s.o.).

Welche Bedeutung hat die Trauma-Arbeit auf gesellschaftlicher Ebene in den besetzten Gebieten (Gaza und Westbank)?
Traumasensible  Beratung im Kontext psychosozialer Interventionen kann  durchaus ein Meilenstein auf dem Weg zum Frieden sein.

Da keine politische Lösung in Sicht ist, immer wieder Gewalt droht und die Blockade des Gazastreifens anhält – provokativ gefragt: Welchen „Sinn“ hat Trauma-Arbeit? Die Leute werden ja immer wieder von Neuem traumatisiert.
Sie hat viel Sinn für das betroffene Individuum, wenn es bei der Entwicklung zur Autonomie bestärkt wird und kann auch dadurch friedensfördernd sein, indem sie dazu beiträgt, die Kultur des Schweigens und damit auch gesellschaftliche Isolation aufzuheben. Im besten Sinn kann eine Gesellschaft dadurch bestärkt werden, sich gegen Unterdrückung und für Freiheit und Frieden einzusetzen.

Interview: Valentina Maggiulli, cfd Programmverantwortliche Nahost