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Interview mit Areej Abu Eid, Filmemacherin

Hast du gelernt, Filme zu machen, bevor du dem Shashat-Projekt beigetreten bist?
Im Jahr 2011 gab es ein Programm von Shashat an der Al Aksa Universität in Gaza. Dort habe ich teilgenommen. In zwei Jahren haben wir den gesamten Prozess des Filmemachens gelernt. An der Universität ist alles nur theoretisch, wir haben keine praktische Ausbildung erhalten. Ich habe zwei Filme produziert und co-produziert: “Kamkameh” und einen Film über den Ausschluss einer geschiedenen Frau in Gaza. Es war nicht einfach, Frauen zu finden, die vor der Kamera offen über Scheidung gesprochen haben, weil das Thema immer noch tabu ist hier. Beide Filme wurden im Rahmen der Serie “I am a woman in Palestine” produziert.
Dann gab es eine zweite Serie mit dem Titel “Garbage”. Für diese produzierte ich einen Film über verbale und sexuelle Belästigung von Frauen in Gaza. Über dieses Thema wird nicht gesprochen und viele Menschen leugnen es, aber es ist eine tägliche Realität für Frauen. Es spielt nicht einmal eine Rolle, was du trägst, ob du verschleiert bist oder nicht usw.

Was hat dich motiviert, Filme zu machen?
Durch das Filmemachen kann ich über die alltägliche Realität sprechen. Die Geschichten kommen aus der Gesellschaft, in der ich lebe und mit welcher ich mich verbunden fühle. Das Filmemachen gibt mir ausserdem ein Gefühl von Empowerment, ich fühle mich lebendiger, weil ich tun kann, was ich liebe.

Woher nimmst du die Ideen für deine Filme?
Von meiner Realität hier in Gaza.

Wie würdest du deine Herangehensweise an das Erzählen von Geschichten beschreiben?
Ich weite die ursprüngliche Idee aus, indem ich Notizen mache und einen Draft verfasse. Ich starte bei meinem Blickpunkt, aber verliere nie aus den Augen, was ich dem Publikum erzählen möchte. Ich schätze kritisch ein, ob meine Geschichte es wert ist, Menschen gezeigt zu werden und ob Menschen sich damit identifizieren können. Mich interessiert, die grösseren Zusammenhänge zu zeigen, letztlich steuern die gewählten Charaktere den Film.
Ich habe sehr viel Unterstützung erhalten von Alia Arsoughly, der Produzentin von Shashat, vor allem bei meinem letzten Film. Alia war sehr hilfsbereit, hat mich immer motiviert und mich Schritt für Schritt begleitet, von der Idee bis zum fertigen Film.

Was magst du am meisten am Prozess des Filmemachens?
Ich mag alles, was zum Filmemachen gehört, aber am besten gefällt es mir auf dem Set, wenn es darum geht, die Szenen perfekt zu planen. Ich mag auch den Schnitt, weil dann alle Teile des Puzzles zusammen kommen. Mein Lieblingspart ist es jedoch, den Film und die damit verbundene harte Arbeit öffentlich zu zeigen und die Reaktionen des Publikums erleben zu können. Ich bin immer sehr neugierig zu hören, was das Publikum über den Film denkt und ich nehme gerne sowohl positives als auch negatives Feedback an.

Frauen beim Filmemachen

Gibt es viele Frauen, die in Gaza Filme produzieren?
Es gibt ein paar Filmemacherinnen in Gaza. Viele wurden durch das Programm von Shashat ausgebildet. Heutzutage machen viele Leute Filme mit ihren Handys, die sie dann ins Netz stellen.

Was sind die grössten Schwierigkeiten, die sich Frauen stellen, die in Gaza Filme machen möchten?
Belästigungen bleiben ein grosses Hindernis. Jedes Mal, wenn wir in den Strassen einen Film drehen, belästigen uns junge Männer mit Kommentaren. Am Anfang war ich darüber sehr verärgert, aber jetzt achte ich kaum noch darauf und konzentriere mich voll und ganz auf die Arbeit.

Wie haben deine Familie und Freunde auf deine Karriere als Filmemacherin reagiert?
Ich habe Glück, meine Familie und Freunde unterstützen mich und machen mir Mut. Sie kommen zu all meinem Filmvorführungen und sind sehr stolz auf das, was ich mache.

Über den Film

In einem deiner Filme, den du mit Shashat produziert hast, setzt du einen Fokus auf Belästigungen von Frauen und sexuellen Missbrauch. Um was geht es in deinem neuen Film?
Ich möchte nicht zu viel über den Film verraten, aber ich kann ein bisschen was darüber sagen. Gaza gibt dir keine Aussicht auf eine schöne Zukunft, aber es kann dich immer noch überraschen. Dieser Film ist komplett anders als die anderen drei Filme, die ich produziert habe, weil er viel persönlicher ist. Ich wollte die Geschichte erzählen, wie ich meine Schwester im Gaza-Konflikt im Jahr 2014 verloren habe. Noch immer ist es nicht einfach, über den Krieg zu sprechen und viele FilmemacherInnen schrecken vor dem Thema zurück. Mein Film spricht über die Überwindung des Heute und die Wertschätzung des Morgen. Der Film ist stark und erzählt die Geschichte auf eine ungewöhnliche Art und Weise. Es hat mich viel Mut gekostet, dieses Thema zu wählen und es war nicht einfach für mich, den Film zu drehen.

Wieso hast du dieses Thema gewählt?
Ich wollte meine persönlichen Erlebnisse sowohl mit dem Publikum hier in Gaza als auch mit einem ausländischen Publikum teilen, um die Leute zu sensibilisieren dafür, was hier passiert und wie die aktuellen Ereignisse unschuldige Menschen treffen.

Was ist die Hauptaussage, die du dem Publikum mit diesem Film vermitteln möchtest?
Jeder Film hat eine Botschaft. Dieser Film handelt vom überraschenden Überleben und vom Meistern grosser Herausforderungen im Leben.

Inwiefern kann Kunst ein Weg sein, psychologische Traumata zu überwinden?
Tatsächlich ist es so, dass jeder und jede, die überlebt hat und keine mentalen Schäden davon getragen hat, gewonnen hat. Aber es ist augenscheinlich, dass alle betroffen sind. Es gibt verschiedene Wege, psychologische Traumata zu überwinden. Eine Möglichkeit kann die Kunst sein. Jeder Filmer, jede Filmerin geht anders damit um, nicht alle wollen ihre Probleme in einem Film verarbeiten. Trotz der traurigen Erinnerungen an das, was passiert ist, wollte ich die positiven Aspekte zeigen und deutlich machen, dass das Leben es immer noch wert ist, gelebt zu werden. Vielleicht ermutigt dieser Film manche Leute, die in ähnlichen Situationen waren und hilft ihnen, ihr Trauma zu überwinden.

Der Titel der Filmserie ist ‘What’s tomorrow?’ Was sind deine eigenen Wünsche für die Zukunft?
Auch wenn du sehr traurige und schwierige Momente hattest in deinem Leben, gibt es noch immer ein Morgen. Ich möchte meine Stimme in die Welt hinaus tragen und weiterhin Filme machen/drehen, weil ich liebe, was ich tue. Ausserdem möchte ich mehr Erfahrung sammeln, mich mit anderen FilmemacherInnen hier und im Ausland zusammen schliessen, meine Filme zeigen und meine Geschichten aus der Perspektive einer palästinensischen Frau erzählen.

Was ist dein Rat für junge Frauen in Gaza, die ihre Träume verwirklichen möchten?
Hört nie auf, eure Träume zu verfolgen, eure Arbeit. Arbeitet hart und überzeugt, um diese Träume wahr zu machen, nichts fällt euch einfach so in den Schoss. Aber gebt niemals die Hoffnung auf trotz der aktuell schwierigen Umstände.

Interview: Valentina Maggiulli, cfd Programmverantwortliche Nahost