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Es gibt ein Morgen - ein Film über das Leben in Gaza

Viele Menschen in Gaza haben Familienmitglieder, FreundInnen und Bekannte durch Krieg und Gewalt verloren. Fotos und Porträts in privaten Räumen und in Strassen erinnern an sie. Die junge Filmemacherin Areej Abu Eid erzählt in ihrem neuesten Film ihre eigene Geschichte.

«Gaza gibt dir kein ‹helles›, lichtes Morgen, aber Gaza kann dich immer noch überraschen. Dieser Film ist völlig anders als die drei Filme, die ich davor gemacht habe, da er viel persönlicher ist. Ich wollte die Geschichte erzählen, wie ich meine Schwester im Krieg 2014 verloren habe. Es ist nicht einfach, über den Krieg zu reden und nicht viele Filmschaffende wagen sich an dieses Thema. Der Film handelt davon, ein schreckliches Heute zu überwinden und dennoch den Wert des ‹Morgen› zu sehen. Es kostete mich viel Mut, dieses Thema zu wählen und es war nicht einfach, den Film zu drehen», schildert Areej Abu Eid, worum es in ihrem Film «A very hot summer» geht.

Kunst als Zugang zu Trauer

Auf die Frage, ob sie Kunst als Mittel zur Bewältigung von psychischen Traumata sehe, meint Areej: «Jede und jeder, der überlebt hat und keinen mentalen Schaden davonträgt, hat gewonnen. Aber natürlich sind alle betroffen. Es gibt verschiedene Arten psychische Traumatisierungen zu bewältigen, eine davon kann Kunst sein. Trotz der traurigen Erinnerungen wollte ich positive Aspekte hineinbringen und zeigen, dass das Leben es dennoch wert ist, gelebt zu werden. Vielleicht kann dies ein paar Leute ermutigen, die in einer ähnlichen Situation waren, und ihnen helfen, mit ihren schmerzlichen Erfahrungen umzugehen.» Die erfahrene Traumatherapeutin Sibylle Rothkegel, die als Konsulentin mit den Beraterinnen des cfd-Projekts Psychosoziale Begleitung in Gaza Zusammenarbeitet, bestätigt: «Eine künstlerische Auseinandersetzung mit erlebter Gewalt kann sehr viel zur Bearbeitung von Traumata beitragen, zum einen hilft sie den Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, sich verbal auszudrücken, dennoch ihr Leid zu zeigen, und zum anderen entdecken sie möglicherweise dadurch Fähigkeiten, die bisher brach lagen. Kreative Methoden können also Teil von Empowerment sein.» Sibylle Rothkegel erklärt weiter: «Chronische Angst ist die gesellschaftliche Begleiterscheinung der Lebensverhältnisse in Kriegs- und Krisengebieten. Zum Verhaltensgrundmuster gehören ständige Vorsicht und Zurückhaltung. Gefühle und Meinungen, insbesondere wenn sie die eigene Schwäche signalisieren, werden nur noch sehr zurückhaltend ausgedrückt. Diese ‹Kultur des Schweigens› isoliert die Einzelnen und schwächt Familien und Gruppen, da die Menschen das, was sie beschäftigt, nicht mehr miteinander teilen.»

Visionen der Zukunft

Im Rahmen des Kurzfilme-Projekts «What’s tomorrow» der palästinensischen Partnerorganisation Shashat in Ramallah unterstützt der cfd den Film von Areej Abu Eid. Das Projekt verleiht jungen Filmemacherinnen aus der West Bank und dem Gazastreifen eine Stimme, um ihre Perspektive und ihre Bilder eines «tomorrow» zu zeigen. Dieses «tomorrow» steht im Kontrast zur scheinbaren Sackgasse des «today», in welchem Perspektivlosigkeit vorherrscht. Jugendliche und lokale Gemeinschaften werden angesprochen, diese Bilder zu diskutieren, um eine positivere Zukunft zu definieren. «What’s tomorrow» schafft einen Raum, der als nicht bedrohlich wahrgenommen wird. Im Rahmen von öffentlichen Filmvorführungen mit anschliessender Diskussion kann, gut moderiert, über das Heute und das Morgen reflektiert werden. Diese Filmvorführungen finden in Universitäten, Flüchtlingslagern, Gemeinschaftszentren in Dörfern und Städten in der West Bank und im Gazastreifen statt. «Auch wenn du sehr traurige und schwierige Momente in deinem Leben erfahren hast, gibt es ein Morgen», ist Areej überzeugt. «Ich will meine Stimme in die Welt bringen und weiterhin Filme machen, denn das mache ich sehr gerne.» Anderen jungen Frauen in Gaza möchte sie sagen: «Höre nie auf, deine Träume zu verfolgen, arbeite hart und entschieden daran, sie zu verwirklichen, denn es fällt dir nichts in den Schoss. Gib trotz der aktuellen schwierigen Umstände nie die Hoffnung auf.»

Regula Brunner, Kommunikation
Valentina Maggiulli, Programmverantwortliche Nahost