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Die Welt in den Händen - Projekt mit Beduininnen

 Obwohl BeduinInnen israelische StaatsbürgerInnen sind, werden ihnen die zustehenden Grund- und Bürgerrechte weitgehend verweigert. Ungefähr vierzig Prozent der BeduinInnen leben in, von der Regierung klassifizierten, sogenannten nicht-anerkannten Dörfern. Dort, aber auch in den anerkannten beduinischen Dörfern, mangelt es an Zufahrtsstrassen, Schulen, Kliniken, Zugang zu Wasser und Elektrizität aber auch an Arbeitsplätzen. Die Regierung verweigert den BeduinInnen bis heute eine funktionierende Infrastruktur.

Die Mehrheit der beduinischen Frauen sind Analphabetinnen und  bis heute schliessen über fünfzig Prozent von ihnen die Schule nicht ab. Ganze neunzig Prozent der Beduininnen sind erwerbslos. Auch wenn die polygamen Ehen immer weniger populär sind, werden diese noch von rund vierzig Prozent der BeduinInnen gelebt. Die Möglichkeit, in der Negev-Wüste ein eigenes Einkommen zu erzielen, ist sehr gering. Daher suchen sich viele Männer im Norden Israels oder in den umliegenden Ländern eine Arbeit. Für die Frauen bedeutet es, dass sie allein mit den Kindern, häufig sozial isoliert, ohne berufliche Perspektive und mit unzureichenden finanziellen Mitteln zurückbleiben. Zusätzlich stellen die starken patriarchalischen Normen der beduinischen Gesellschaft eine grosse Einschränkung für die Lebensentwicklung der Frauen dar.  

Zusammenarbeit mit den Beduininnen
Projekte, wie der cfd sie mit der Partnerorganisation Sidreh in der Negev-Wüste seit 2003 aufbaut, sollen dem entgegenwirken und den Beduininnen eine neue Lebensperspektive aufzeigen. Gemeinsam können beide Organisationen auf eine beeindruckende Entwicklung zurückschauen. Der cfd war von Anfang an involviert und setzt auf ein langfristiges Engagement. Kleine, gut durchdachte Schritte erlauben eine nachhaltige und wirkungsvolle Entwicklung. Die Besonderheit der Arbeit des cfd ist die nahe Begleitung der Partnerorganisation. Dafür braucht es viel Geduld und den Willen, die Partnerorganisation gut kennenzulernen, um sich von den Bedürfnissen vor Ort ein klares und umfassendes Bild zu machen sowie gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Dem cfd ist es ein Anliegen, den Prozess der Projektentwicklung mit der Partnerorganisation partizipativ zu gestalten. Weitere Schwerpunkte sind auch das Qualitätsmanagement und die Hilfe zur Selbsthilfe bei der Organisationsentwicklung.  

Bildung stärkt die Frauen und ihre Unabhängigkeit
Begonnen hat 2003 alles mit einem professionellen Alphabetisierungsprogramm für Frauen. Die persönlichen Entwicklungen gingen aber weit darüber hinaus und legten die Basis für die heutigen Projekte. Dank dieser erworbenen Fähigkeiten und dem damit gestärkten Selbstbewusstsein konnten die Frauen ihre Lebenssituation massgeblich verbessern. Wichtig war auch der Einbezug der Männer, um das Projekt zu ermöglichen. Die «Klassenzimmer» wurden von den Männern des Dorfes gebaut oder zur Verfügung gestellt. Das ermöglicht eine gemeinsame Identifikation und den Einsatz des gesamten Dorfes für das Projekt. Inzwischen gehen die Bestrebungen dahin, dass die Kosten für die Bildungsprogramme vom israelischen Bildungsministerium getragen werden. Das verringert zum einen die Abhängigkeit von externen Geldgebern und zum anderem ist es ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung und Gleichbehandlung der beduinischen Bevölkerung Israels. Das Webeprojekt ermöglicht den Frauen ein eigenes Einkommen. Die beduinische Bevölkerung hält Schafe, deren Wolle sie an Sidreh verkaufen. Die Wolle wird nach traditionellen Methoden verarbeitet, gefärbt und zu qualitativ hochwertigen Teppichen, Taschen und Kissen verwebt. Es wird mit lokalen und natürlichen Materialien gearbeitet, so dass es keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt gibt. Das traditionelle Handwerk wird vor Ort gelehrt, von Beduininnen für Beduininnen. Die Produkte werden auf dem heimischen Mark, an Touristen und bald auch per Internet in die USA und nach Europa verkauft. Die Beduininnen gewinnen dadurch ebenfalls viel Respekt von ihren Männer und anderen Frauen. Das Projekt ist ein grosser Erfolg und inzwischen weitgehend finanziell selbsttragend.  

Ökologische «Wüstengärten» erhöhen die Lebensqualität
Der cfd hat einen Teil seines Förderschwerpunktes ab 2015 auf ökologisches wirtschaftliches Empowerment verlegt. Die «Wüstengärten» mit den innovativen Anbaumethoden gibt es in 35 teilnehmenden anerkannten und in den sogenannten nicht-anerkannten Dörfern. Die Familien lernen den organischen Anbau von Gemüse dank der Aquaponic- und Hydroponic-Systeme. Die Methoden verbrauchen extrem wenig Wasser und erlauben den Familien, sich gesund zu ernähren und verbessern so ihre Lebensqualität. Der angebaute Überschuss wird im Dorf getauscht und zukünftig auch verkauft. Deshalb legt der cfd in 2016 und 2017 den Fokus auf die mögliche Weiterentwicklung des Projekts. Eine externe Fortbildung zu gendersensitiven Wertschöpfungsketten im Gemüseanbau wurde organisiert. Der nächste Schritt ist der Verkauf des überschüssigen Gemüses auf dem Markt oder auch an Restaurants in der Stadt, welche Wert auf natürlich angebautes Gemüse legen. Das erlaubt den Frauen ihr Einkommen weiter zu verbessern. Wichtig ist dem cfd, dass die beduinischen Frauen jeden Entwicklungsschritt von Anfang an mitgestalten und involviert sind. Das Projekt wird daher gemeinsam weiterentwickelt und die Bedürfnisse und Gegebenheiten vor Ort diskutiert und einbezogen. So ist es vorstellbar, dass die Beduininnen eine Kooperative gründen und sich gemeinsam ein Auto oder einen Lastwagen kaufen. Das Ziel ist es, dass die Frauen selbständig auf den Markt fahren und dort ihr Gemüse verkaufen oder die Restaurants beliefern.

Beduininnen brechen traditionelle Rollen auf
Was so einfach erscheint, ist im Negev vor viele Herausforderungen gestellt. In dem patriarchalisch geprägten Leben der BeduinInnen fahren Frauen keinen Lastwagen oder Pick-up. Das sind typisch männliche Fahrzeuge und ihnen vorbehalten. Ein Thema, das auch an der Fortbildung zu gendersensitiven Wertschöpfungsketten des Gemüseanbaus und -verkaufs diskutiert wurde. Sameera Abu Siamera, 40 Jahre alt, eine Mitarbeiterin von Sidreh, ist eine der wenigen Frauen in der Negev Wüste, welche einen Pick-up fahren. Damit hat sie sich dem traditionellen Rollenbild und was sich für eine Frau gehört, entgegengestellt. Sie lebt mit ihrem Ehemann und den zwei Kindern in Kssayifeh, einem anerkannten Dorf, in dem trotzdem jegliche Infrastruktur fehlt und das Leben nicht einfach ist. In ihrer Entwicklung spielte ihr Vater eine wichtige Rolle. Sie sagt, dass ihr Vater ein besonderer Mann ist, der sie immer unterstützt hat. Bevor sie geheiratet hat, haben ihre Brüder versucht, sie am Arbeiten zu hindern. Im Gegensatz zu ihrem Vater, der sie unterstützte und motivierte. Sameera Abu Siameras Ehemann gehört aber auch zu den Männern, welche glauben, dass Frauen zu Hause bleiben sollten und Kinder aufziehen. Aber er akzeptierte, dass sie in dem Projekt mitarbeitet, da sie es wollte. «Manchmal ist es wirklich schwer damit zu leben, aber ich muss stark sein.» sagt sie. «Es war die Idee meines Vaters, dass ich den Führerschein ablege. Er dachte, dass es sehr wichtig ist und dass es mich stärker macht. Als ich meinen Führerschein hatte, verlor mein Vater seinen, so musste ich ihn jeden Tag auf Arbeit fahren. Er war sehr stolz auf mich. Die Leute machten sich über ihn lustig, denn ich fuhr seinen Pick-up und sie sagten ihm, dass er das nicht zulassen sollte, dass es beschämend sei. Aber er hörte nicht auf die Leute und das machte mich sehr glücklich. Die beduinische Mentalität findet Frauen unfähig irgendetwas zu tun. Es hat mich anfangs verlegen gemacht, da es nichts Typisches oder Normales war, eine Frau Auto fahren zu sehen. Die Leute im Dorf starrten mich an. Die Älteren finden, dass ich verwöhnt bin und die Jüngeren sind neidisch. Aber inzwischen haben sich diese Dinge gebessert. Heute fahren mehr Frauen Autos und die Leute sind daran gewöhnt. Aber in den sogenannten nicht-anerkannten Dörfern bewundern mich die Frauen, vor allem wenn ich den Pick-up fahre, der als reines «Männerauto» angesehen wird. Mein Mann beklagt sich nie darüber, dass ich Auto fahre, da er weiss, dass es für die gesamte Familie gut ist. Wenn ich fahre, dann habe ich das Gefühl, die ganze Welt in meinen Händen zu halten, ich fühle mich stark und es macht meine Arbeit leichter. Mein Auto bedeutet Freiheit für mich. Ich hatte leider letztes Jahr einen Autounfall und mein Leben änderte sich radikal. Der Unfall ruinierte meinen Traum, einen Universitätsabschluss zu machen. Ich bedaure, dass ich meine Ausbildung nicht abschliessen konnte. Es hätte mich stärker gemacht.»

Für eine blühende Zukunft
Frauen wie Sameera Abu Siamera gibt das Projekt des cfd mit der Partnerorganisation Sidreh eine Lebensperspektive. Sameera gibt es mit ihrer Arbeit an andere Beduininnen weiter und ebnet so weiteren Frauen den Weg in mehr Unabhängigkeit. Die Aufbauarbeit mit den Alphabetisierungsprojekten, welche vor dreizehn Jahren begonnen haben, war die Vorstufe und eine unabdingbare Voraussetzung für ein modernes Projekt wie die «Wüstengärten». Ebenso wichtig ist es, dass die Männer einbezogen werden, um einen Wechsel in den Traditionen zu bewirken. Ein Punkt, welcher in der Arbeit des cfd immer mehr Raum einnimmt. Die Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung und für die Gleichberechtigung für die BeduinInnen im Negev ist noch nicht beendet. Eine weitere Etappe des Projekts der «Wüstengärten» könnte sein, das Gemüse zu konservieren, einzumachen und zu trocknen, um die Verarbeitungs- und Verkaufskette zu erweitern. Vielleicht wird der Wunsch von Sameera in nicht allzu langer Zeit verwirklicht: «Ich wünsche mir, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Und ich möchte Gesundheit und Glück für meine Familie, die Frauen und mein Land. Und ich möchte den anderen Frauen sagen, dass sie niemals aufgeben sollen und dass eine Ausbildung sehr wichtig ist.»

Doritt Belohlavek Kommunikation