/ 70 Jahre cfd
Interview mit Barbara Gurtner
Barbara Gurtner kam 1988 zum cfd und hat 18 Jahre lang das Sekretariat «geschmissen», wie sie selber sagt. Sie sass damit an einer Schlüsselposition und war das Scharnier der gesamten Institution. Nach einer Weiterbildung hat sie sich stark in der migrationspolitischen Bildungsarbeit des cfd engagiert.
Barbara Gurtner: «Die Zeit im cfd war sehr lebendig und schön. Vieles war ständig in Bewegung und sich am Umstrukturieren, Neu-Positionieren und Neu-Definieren. Es war ein steter Wandel. Ich habe miterlebt, wie eine Hierarchieebene in einem vormals basisdemokratisch organisierten Betrieb eingeführt wurde: Zwei Jahre nachdem ich angefangen habe, hat sich das Team des cfd für die Einführung einer Geschäftsleitung entschlossen. Thematisch gab es immer wieder spannende Diskussionen um Politik, Friedensfragen, Fraueninteressen.
Die ständigen Umstrukturierungen bedeuteten eine permanente Unruhe, aber gleichzeitig hat sich gezeigt, dass es funktionierte. Aus der Flüchtlingshilfe zog sich der cfd zurück, weil er nicht die Bundesvorgaben umsetzen wollte, sondern eine andere Politik vertrat. Daraus ist Wisdonna entstanden. Im Sog der feministischen Diskussionen der neuen Frauenbewegung und zusammen mit der cfd-Frauenstelle kam es zu Gender-Diskussionen und Empowermentfragen.
Immer schon hatten wir aber das Problem, dass zu wenige Mitglieder den Verein tragen, dass wir eine bessere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und bessere Präsenz brauchen. Das ist einer der ganz wenigen Aspekte, die sich nie wirklich gravierend geändert haben.
Mich beeindruckt am cfd, dass er mutig und ungewöhnlich war. Zum Beispiel war er schon 1963 in der Westbank aktiv, zu einer Zeit, als sich dort nur sehr wenige Organisationen engagierten. Schon damals gab es im cfd Diskussionen um das Recht von PalästinenserInnen.
Die Arbeit im cfd war kreativ. Es herrschte eine ausserordentlich offene Diskussionskultur, die eine Vielfalt differierender Meinungen erlaubte und differenziertes Denken ermöglichte. Und genau das machte die ganzheitliche Sicht des cfd aus. Die verschiedenen Sichtweisen und Blickwinkel berücksichtigten zum Beispiel während der Diskussionen zur Friedenspolitik auch feministische Aspekte. Das hat wiederum zur Veränderung der inhaltlichen Ausrichtung des cfd hin zu einer feministischen Friedensorganisation geführt.
Insbesondere stolz bin ich darauf, dass ich die Akten des cfd so aufbereitet habe, dass sie im Bundesarchiv zugänglich sind. Wie häufig sie bislang genutzt wurden, weiss ich jedoch nicht.»

