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/ Polina Birzer: «combine ist ein guter Wegweiser»

Polina Birzer gehört zu den Frauen, welche bereits nach der Methode combine ihre Kompetenzen bilanziert hat. In der berufsbegleitenden Ausbildung zur Verkaufsfrau für Migrantinnen von Formazione/Ecap hat sie unter der Leitung von Alicia Gamboa und Barbara Gurtner vom cfd ein umfassendes KompetenzenPortfolio erstellt. Jeder Teilnehmerin hat combine viel gebracht, heisst ihr Fazit.

cfd: Du arbeitest bereits als Leiterin eines Schmuckstands in einem Warenhaus. Was hat Dich bewogen, noch eine Verkaufsausbildung zu absolvieren?

Polina Birzer: Ich arbeite schon längere Zeit als Verkaufsfrau, habe mittlerweile viel Erfahrung und mache wohl manches intuitiv richtig. Was mir fehlte, waren systematische fachliche Grundlagen. Ich habe in der Formazione-Ausbildung dann auch nützliche Dinge gelernt über Sortiment, Warenpräsentation, Verkaufspsychologie und KundInnenbetreuung. Das wichtigste Fach für mich war aber die Kompetenzenbilanzierung nach combine.

Was hat Dir die Kompetenzenbilanzierung gebracht?

Das Bebildern und Einordnen aller Kompetenzen hat mich auf neue Ideen gebracht und mich angespornt, beruflich weiter zu schauen. combine entpuppte sich als guter Wegweiser im aktuellen Berufsalltag ebenso wie für die berufliche Zukunft. Wenn ich mein Kompetenzen-Portfolio anschaue, sehe ich dass ich meine Fachkenntnisse über Schmuck verbessern könnte. Gleichzeitig wird mir klar, dass ich Fähigkeiten habe, die ich im Verkauf nicht entfalten kann. Nun besuche ich bereits berufsbegleitend eine Handelsschule. Und ich weiss, dass mich eine Management-Ausbildung interessieren würde.

Was hast Du speziell gefunden an der Art, wie combine Kompetenzen definiert und bilanziert?

Es war für die ganze Klasse eine Überraschung. Zuerst haben wir nämlich nicht genau begriffen, was wir wozu machen, den Lebenslauf als Lebenspanorama mit allen Facetten visuell darstellen, durch die Lupe einzelne Stationen beleuchten und ähnliche Dinge. Klick gemacht hat es, als wir minutiös auf einer Tabelle darstellten, was es an Kompetenzen braucht, um eine Suppe zu kochen: Planen, Rechnen, Einkaufen.

Nur zwei Frauen sind ausgeschert. Alle andern konnten am Schluss der Ausbildung erkennen, wo ihre Stärken liegen, was sie interessiert, wo sie Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten haben. Sogenannte Nurhausfrauen, die anfangs so bescheiden waren, entdeckten, dass sie über Englischkenntnisse verfügen, organisieren und rechnen können. Sie begegnen sich jetzt mit mehr Wertschätzung und erwarten dies auch von ihrer Umgebung. Eine Kursteilnehmerin hat inzwischen einen Mahlzeitendienst aufgebaut und damit ein Stück finanzielle Unabhängigkeit gewonnen. Eine andere, eine junge Frau aus Kenya, in der Schweiz bisher «Putzfee» – so heisst das doch? – hat es gewagt, sich als Telefonistin in einem Anwaltsbüro zu bewerben und hat den Job erhalten.

Wie war Dein Berufseinstieg in der Schweiz?

Ich ging zur Berufsberatung des RAV in einer grösseren Ortschaft im Berner Seeland. Ich präsentierte meine Hochschuldiplome als Deutsch- und Englischlehrerin sowie die Arbeitszeugnisse der deutschen Firmen, bei denen ich in Moskau als Dolmetscherin und Office Managerin gearbeitet hatte. «Uns interessieren nur ihre Berufserfahrungen in der Schweiz», beschied man mir. Ob von der Person abhängig oder strukturell bedingt, ich war derart empört, dass ich begann, einen Brief an den UNO-Generalsekretär Kofi Annan zu schreiben, um ihn darüber aufzuklären, wie minderwertig die AusländerInnen in der Schweiz behandelt würden. Der Brief wurde nie fertig, die Empörung wich dem Entschluss, von ganz unten neu anzufangen. Ich habe nie versucht, die Anerkennung meiner Diplome zu erwirken, weil ich damals einfach andere Prioritäten setzte. Zudem befand ich, dass ich noch zu wenig Kontakt zu Kindern und Jugendlichen in der Schweiz hatte, um als Lehrerin zu arbeiten.

Es war alles andere als einfach, eine Stelle zu finden. Zuerst meldete ich mich erfolglos auf ein Inserat, in dem eine Spazierperson für den Hund gesucht wurde. Die Dame, die das Telefon abnahm, war extrem verwirrt, eine Ausländerin zu hören. Über eine Temporärfirma arbeitete ich eine Zeit lang am Fliessband einer Biscuitfabrik. Die reguläre Anstellung als Schmuckverkäuferin empfand ich dann als Glücksfall.

Nicht-lineare Berufswege gelten als typisch für Migrantinnen-Biografien. Berücksichtigt combine dies genügend?

Zum Glück nicht ausschliesslich. Die kurvenreichen Bildungs- und Berufswege von Frauen haben nämlich ebenso viel mit den Geschlechterverhältnissen zu tun. combine berücksichtigt Migration als eine Erfahrung unter anderen. Speziell und wichtig ist, dass die im Zusammenhang mit Migration benötigten und erworbenen Kompetenzen sichtbar gemacht und mitgezählt werden. Aber eigentlich finde ich die combine-Kompetenzenbilanzierung für alle Frauen nützlich, die in der männlich geprägten Arbeitswelt einen Platz beanspruchen.

Franziska Müller, Mai 2006

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Polina Birzer hat den Kurs combine für Komptetenzenbilanzierung besucht.