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/ Bilder und Orte von Migration

von Stefanie Gass

Weshalb werden MigrantInnen immer wieder als defizitär dargestellt und mit negativen Attributen versehen? Welche Realitäten und Migrationskontexte können wir solchen klischierten Vorstellungen entgegenstellen? Im März 2004 organisiert der cfd einen Workshop mit der Filmerin Hatice Ayten zu Darstellungen von Migration. In ihrem Filmschaffen legt Ayten den Fokus immer wieder auf das Thema der Repräsentation. Sie erzählt Geschichten, zeigt Bilder und geht der Frage nach, wie wir Orte der Veränderung und der Vielfalt beschreiben können.

Starre Bilder von MigrantInnen und Migrationskontexten sowie kulturalisierte Vorstellungen und Klischees prägen den gesellschaftspolitischen Diskurs. Sei dies in den Medien, in der Verwaltung, in Parlamenten oder im alltäglichen Austausch und der Sprache, die in Reden über MigrantInnen gewählt wird. Ihre vielfältigen Lebensrealitäten finden in der Schweiz dabei wenig Beachtung. Vielmehr prägt eine einfache, konstruierte Zuordnung in ein «wir» und die «andern» den gesellschaftlichen Umgang mit MigrantInnen. Nicht selten dienen solch simple Muster der Ausgrenzung der als anders und bedrohlich wahrgenommenen. Angestrebt wird gleichzeitig die Homogenisierung eines imaginierten, nationalen «wir». Bestehenden strukturellen und gesellschaftlichen Mechanismen der Diskriminierung von MigrantInnen wird dabei wenig Beachtung geschenkt. Solche Analysen und Gedanken prägen das Arbeiten von Hatice Ayten, die ihr Filmschaffen als Widerstand gegen hegemoniale Bildpolitik versteht. Im Folgenden sollen drei Beispiele aufgezeigen, wo Ayten ihre Medienanalyse ansetzt und welche Repräsentationsbilder sie entwirft.

Auswechslung von Stereotypen

Kritisch betrachtet Hatice Ayten den neuen Film von Fatih Akin Gegen die Wand, der an der Berlinale mit dem goldenen Bären ausgezeichnet wurde und inzwischen in den Schweizer Kinos läuft. Dieser Spielfilm versucht auf eigene Art stereotype Bilder von türkischen Familien und Frauen zu durchbrechen, indem die Enthüllung durch ein anderes, einseitiges Frauenbild ersetzt wird. Dieses zeigt die Befreiung durch sexuelle Freizügigkeit. Im Film werden keine vielfältigen Bilder von Deutsch-Türkinnen und deren Lebensweisen entworfen. Den klischierten Beschreibungen von sogenannt desintegrierten türkischen Frauen und Männern werden Vorstellungen der Emanzipation durch Verwegenheit entgegengestellt. Ayten interpretiert, dass Fatih Akin durch seine Bildproduktionen das Kopftuch als klischiertes Symbol der Desintegration verdrängen möchte. Doch sein Ersatzangebot bleibt starr.

Störende Kopftuchträgerinnen

Mit dem in der FRAZ 2003/3 besprochenen Dokumentarfilm Mahrem öffne Dich mischt sich Ayten in die Kopftuchdebatte ein. Mahrem bezeichnet das Private. Der Filmtitel verweist sowohl auf die Haare von Frauen als mahrem wie auch auf das Durchbrechen räumlicher Trennungen und gesellschaftlicher Grenzen zwischen privat/intim und öffentlich und die damit verbundenen Bedeutungsverschiebungen. Hatice Ayten porträtiert Frauen in der Türkei, welche unterschiedliche Leben realisieren und aus den unterschiedlichsten Gründen ein Kopftuch tragen. Sie fragt, warum junge Frauen den Islam neu entdecken, wann sie für Gesellschaften zum Problem werden und ob es ihre Grenzüberschreitung im öffentlichen Raum ist, der stört.
In ihren persönlichen Lebensentwürfen und politischen Vorstellungen spielt das Kopftuch oft eine Nebenrolle. Viel wichtiger ist, dass für die Frauen ein Handlungsspielraum für eigene Lebensentwürfe und politische Vorstellungen besteht. Aytens Film Mahrem öffne Dich widersetzt sich der doppelten Reduzierung von Frauen auf das Kopftuch und gegen sein Zeichen für Desintegration, Rückständigkeit und Islamismus. Die Filmerin zeigt, dass sowohl in der Türkei wie auch in Deutschland emanzipierte, widerständige und gebildete Frauen mit Kopftuch die Mehrheitsgesellschaft irritieren und stellt dadurch die Frage nach dem privaten und öffentlichen Raum von Frauen in den Vordergrund.

Vielfältige Selbstbeschreibungen

In einem ihrer weiteren Filme werden Selbstbilder der so genannten Deutsch-TürkInnen montiert. Im Film sprechen und spielen die Bezeichneten. Sie werden benannt als GastarbeiterInnen, als fast In- oder eben doch AusländerInnen, als diejenigen mit einer kulturellen Identität, die integriert werden müssen. Ayten stellt den Klichees, die den türkischen Mann in erster Linie als Obsthändler und die türkische Frau als Eingesperrte inszenieren, ein Gegenbild entgegen. Damit möchte sie ein Bild von etablierten Frauen und Männern vermitteln.
Um Ausgrenzungsbestrebungen aufhalten zu können ist die Migrationspolitik darauf angewiesen, dass dominante Vorstellungen und Bilder hinterfragt und entlarvt werden. Das Erkennen der vorherrschenden Ansichten, das Wissen um vielfältige Realitäten und ein geschärfter Blick über den Hatice Ayten verfügt, ermöglicht Gegenentwürfe in der Migrationspolitik. Diese kritische Betrachtung und das Stören scheinbar normaler Ordnung stellt die Grundlage dar, auf welcher Empowermentprojekte realisiert werden können. Die cfd-Migrantinnenwerkstatt wisdonna lanciert z.Bsp. Projekte, welche sich gängigen Ausgrenzungsmechanismen entgegenstellen. Dabei sind unterschiedliche Biographien, Erfahrungen und vielfältige Fähigkeiten von Migrantinnen wichtige Ressourcen. Mit Bildungs- oder Vermittlungsprojekten sowie mit einer kritischen Öffentlichkeitsarbeit werden hegemoniale Interessen und stereotype Vorstellungen von MigrantInnen und Migrationskontexten kritisiert und zu durchbrechen versucht.

Text von Stefanie Gass,
erschienen in: FRAZ. Frauenzeitung. Nr.2/2004. Zürich

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