«Der Schleier ist für jene Frauen ein Thema, die keinen tragen»
Frau Bouatta, was ging Ihnen durch den Kopf, als im arabischen Raum ein diktatorisches Regime nach dem anderen fiel?
Diese Revolutionen haben in der arabischen Welt grosse Hoffnungen
geweckt. Denn die Diktatoren waren seit Jahrzehnten an der Macht. Die
Hoffnung war darum sehr gross, dass aus diesen Staaten endlich echte
Demokratien werden. Für uns waren die Aufstände in Tunesien und Ägypten
historische Momente.
Wieso blieb es in Algerien ruhig?
Wir haben auch in Algerien ein Komitee auf die Beine gestellt, dem die
verschiedensten politischen Parteien, aber auch feministische
Organisationen angehörten. Auch in Algerien sollte etwas in Bewegung
kommen. Und wir wollten ausserdem aufzeigen, dass wir das aktuelle
Regime nicht mehr akzeptieren. Daraus ist bisher leider keine
Massenbewegung geworden. Aber wir bleiben dran.
Ist der Leidensdruck in Algerien weniger gross als in den anderen Maghreb-Staaten?
Man kann Algerien nicht mit Tunesien unter Ben Ali vergleichen. In
Algerien haben die Menschen ein Recht auf freie Meinungsäusserung und
sie dürfen auch Organisationen auf die Beine stellen. Die Proteste in
Algerien hatten darum in erster Linie keinen politischen Hintergrund.
Es ging um soziale und wirtschaftliche Forderungen. Algerien hat
aufgrund seiner Einnahmen aus dem Erdölgeschäft die Möglichkeit, die
Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Das können Tunesien und
Ägypten nicht. Sie sind wirtschaftlich schwächer als Algerien.
Haben die Proteste in Ägypten und Tunesien zu einer Verbesserung der Lebenssituation in diesen Ländern geführt?
Die Menschen in Tunesien oder Ägypten sind meiner Meinung nach heute ein
wenig desillusioniert. Die politischen Ideen jener, welche diese
Revolutionen durchführten, sind praktisch inexistent.
Warum spielen die Frauen im arabischen Frühling eine zentrale Rolle?
Es gab vor allem in Tunesien eine starke Mobilisierung der Frauen. In
Tunesien haben die Frauen Rechte wie sonst in keinem arabischen Land.
Viele Frauen haben sich dort engagiert, um diese Rechte bewahren zu
können. Sie hatten Angst, dass die Islamisten an die Macht kommen und
die Rechte der Frauen dann wieder beschneiden.
Konnten sie diese Rechte bewahren?
Es hat sich eigentlich nicht sehr viel geändert. In Ägypten sind immer
noch die gleichen Gesetze in Kraft wie zu Zeiten der Diktatur. In
Tunesien haben die Frauen grosse Angst, dass nach dem Sieg der
Islamisten bei den Wahlen die Rechte der Frauen eingeschränkt werden.
Haben die Islamisten einen starken Rückhalt in den Maghreb-Staaten?
Sie haben in Ägypten und Tunesien die Wahlen gewonnen. Man darf aber
diese islamistische Gruppen nicht alle in den gleichen Topf werfen. Es
gibt unterschiedliche Strömungen. Die Islamisten, die zum Beispiel in
Tunesien die Wahlen gewonnen haben, sagen von sich, sie seien gemässigt.
Sie sagen auch, dass sie die Rechte der Frauen und die Organisation des
Staates nicht infrage stellen. Sie wollen eine Staatsführung, wie sie
die Türkei heute pflegt. Es gibt aber auch in Tunesien andere Gruppen,
die eine radikalere Auslegung des Islam fordern. In Ägypten haben
radikale Islamisten 25 Prozent der Stimmen erreicht. Sie geben sich
kompromisslos.
Hat sich die Revolution für die Frauen am Ende nicht ausgezahlt?
Das ist durchaus möglich. Die Wahlsiege von radikalen Islamisten werden
früher oder später dazu führen, dass der aktuelle Status der Frauen in
diesen Ländern weiter verschlechtert wird.
Auch in Algerien?
Es gibt auch islamistische Parteien in Algerien.
Meinen Sie den Front islamique du salut (FIS)?
Den FIS gibt es nicht mehr. Er wurde von den algerischen Machthabern
eliminiert. Es gibt aber islamistisch geprägte Parteien, welche der
Regierung angehören. In Algerien entstehen zudem heute auch neue
islamistische Parteien. Wenn in Ägypten und Tunesien solche Gruppen die
Wahlen gewinnen, dann bekommen sie auch in Algerien Auftrieb. Dies kann
die Politik des Landes völlig verändern. Und es kann auch grossen
Einfluss haben auf die Freiheitsrechte – insbesondere auf jene der
Frauen.
Sie selber sind Mitglied der Nationalen Koordination
für den Wandel und die Demokratie in Algerien. Werden die Anliegen der
Frauen in dieser Bewegung ernst genommen?
Wie schon gesagt: Dieses Komitee ist heute in Algerien nicht sehr
einflussreich. Wir haben stets betont, dass wir die Besserstellung der
Frau nicht erst morgen angehen wollen, sondern jetzt sofort. Also nicht
zuerst Demokratie und dann die Frauenrechte. Unsere Forderung lautet:
die Demokratie und die Frauenrechte gleichzeitig.
Inwiefern partizipieren heute Frauen in der Politik Algeriens?
Es gibt ein paar Frauen im Parlament. Aber es sind sehr wenige. Es sind
wohl mehr Marionetten und Alibifrauen. Mit diesen Frauen wollen die
Machthaber zeigen, dass sie nicht gegen Frauen sind und dass sie einen
offenen Kurs steuern. Viele Frauen lassen sich aber nicht für solche
Zwecke einspannen, weil sie Algerien für ein undemokratisches Land
halten. Ausserdem spielt das Parlament in einem solchen undemokratischen
System generell keine grosse Rolle. Alles, was die Regierung vorlegt,
wird kritiklos abgesegnet. Das Parlament ist bloss eine demokratische
Fassade.
Kann man Algerien überhaupt mit anderen arabischen Ländern vergleichen?
Es lässt sich am ehesten mit Syrien vergleichen. Man darf nicht
vergessen, dass Algerien sehr lange ein sozialistisches Land war. Die
Chancengleichheit bei der Ausbildung und der Zugang zu medizinischer
Versorgung war unmittelbar nach dem Befreiungskampf ein zentrales
Anliegen der damaligen Machthaber.
Trotzdem werden die Frauen heute auch in Algerien diskriminiert?
Die Diskriminierung der Frauen in Algerien geschieht heute vor allem im
familiären Umfeld. Die Gewalt gegen Frauen ist hier ein grosses Problem.
Frauen können auch nicht in ein öffentliches Lokal gehen. Sie werden
aber auch am Arbeitsplatz stark diskriminiert, weil bei Beförderungen
meistens Männer zum Zug kommen. In Algerien ist es heute für eine Frau
sehr schwierig, eine Kaderstelle zu bekommen.
Was ist der Grund, dass es im familiären Milieu häufig zu Gewalt gegen Frauen kommt?
Gemäss Gesetz ist der Mann das Familienoberhaupt. Die Frau hat innerhalb
der Familie eine zweitrangige Rolle. Es gibt aber auch viele Übergriffe
von Gruppen auf Frauen, weil man ihnen unterstellt, einen unsittlichen
Lebenswandel zu führen.
Werden die Frauen zu Hause eingesperrt?
Sie werden sicher nicht eingesperrt wie zum Beispiel in Afghanistan.
Aber es kommt auch in Algerien vor. Es gibt in meinem Land eine sehr
patriarchale Sicht, wie Familien funktionieren sollen. Die Männer müssen
zum Beispiel ihr Einverständnis geben, wenn sich die Frau beruflich
engagieren will. Sagt er Nein, darf sie keinen Job annehmen.
Wie verhält sich der algerische Staat den Frauen gegenüber?
Wir haben ein Familiengesetz, in dem die Frauen als minderwertig dargestellt werden.
Das müssen Sie uns schon genauer erklären
Es ist einfacher für Männer, sich scheiden zu lassen. Der Mann kann auch
mehrere Frauen haben. Das allein ist ein deutlicher Hinweis, dass die
Frau in Algerien nicht als gleichberechtigt angeschaut wird. Die Frau
kann ihre Nationalität auch nicht auf ihre Kinder übertragen.
Gibt es Unterscheide zwischen Stadt und Land?
Natürlich. In der Stadt haben die Frauen mehr Möglichkeiten,
beispielsweise sich weiter zu bilden. Auf dem Land stehen sie unter
strikterer Kontrolle der Männer. Auf dem Land ist es sehr schwierig für
die Frauen, ein normales Sozialleben zu führen, Bekannte zu treffen usw.
Im Westen geben vor allem Schleier und Burka zu reden. Was sagen Sie dazu?
Im Westen sind Frauen, die einen Schleier tragen, häufig Migrantinnen,
die aufgrund ihrer Herkunft stigmatisiert und diskriminiert werden. Der
Schleier kann eine Form sein, die eigene Identität zu betonen. In
Algerien bekommt der Schleier heute ein immer stärkeres politisches
Gewicht. Ich glaube, dass der Druck der Islamisten viele Frauen dazu
bringt, einen solchen zu tragen.
Sind Sie selber gegen das Schleiertragen?
Persönlich bin ich der Auffassung, dass jede und jeder sich so kleiden
soll, wie er es für richtig hält. Mich stört es aber, wenn den Frauen
dieser Schleier aufgezwungen wird und sie dadurch in ihrer Freiheit
eingeschränkt werden. Damit wird den Frauen ein Verhalten diktiert. Das
macht mir schon ein wenig Angst.
Ist das Schleiertragen in den arabischen Ländern überhaupt ein Thema?
Es ist vor allem ein Thema für jene Frauen, die keinen Schleier tragen.
Diese Frauen fragen sich, wieso jemand das tut. Frauen, die einen
Schleier tragen, berufen sich hingegen auf den Islam, der den Frauen ein
Verhalten vorschreibt. Für mich persönlich werden diese Frauen sehr
stark beeinflusst durch saudiarabische Fernsehsender, welche Sendungen
über islamkonformes Verhalten der Frauen ausstrahlen.
Haben Sie selber auch schon einen Schleier getragen?
Nein, nie. Es sind vor allem jüngere Menschen, die das tun. Von den
Frauen meiner Generation gibt es wenige, die einen Schleier tragen.
Die
Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey hat einen Schleier
getragen, als sie beim iranischen Herrscher Mahmoud Ahmadinejad zu
Besuch war. Was sagen Sie dazu?
Es ist schwierig, dies zu beurteilen. Der Schleier gehört zur Kultur des
Irans. Und diese Kultur muss man respektieren. Gleichzeitig unterstützt
man aber damit die Politik der Mullahs gegenüber Frauen.
Soll man den Koran frauenfreundlicher auslegen oder wie im Westen Religion und Staat strikte trennen?
Es gibt heute schon eine frauenfreundliche Auslegung des Korans. Aber
sie ist nicht sehr verbreitet. In der arabischen Welt ist der Wille
nicht vorhanden, eine solche Auslegung den Frauen zugänglich zu machen.
Eine frauenfreundliche Auslegung des Korans bedeutet aber noch lange
nicht die Gleichberechtigung, wie sie heute in modernen Demokratien die
Regel ist.
Und was ist mit der Trennung von Religion und Staat?
Das wäre zwar das Ideal. Aber das ist in den muslimischen Ländern heute
keine sehr realistische Option. Es gibt einen starken Druck der
Islamisten gegen jegliche liberale Auslegung des Korans.
Beeinflusst der Koran auch die Gesetzgebung Algeriens?
Er beeinflusst vor allem das Zusammenleben in der Familie durch das
Familiengesetz, das es seit 1984 gibt. Diese Regelung wird von den
Frauen seit ihrer Einführung bekämpft. Die jungen Frauen sind jedoch
schwer für dieses Thema zu mobilisieren.
Wie sehen Sie die Zukunft in Algerien?
Entweder kommt es wie in anderen Staaten zu Aufständen oder die
Islamisten werden mehr Macht erhalten. Es gab in der Vergangenheit sehr
viele Tote in Algerien, nur um zu verhindern, dass die Islamisten die
Macht ergreifen können. Und jetzt sieht es ganz danach aus, dass sie
trotzdem an die Schalthebel kommen werden. Das ist eine Katastrophe.
Wieso finden andere politische Gruppierungen in der arabischen Welt so wenig Zustimmung?
Man kennt deren Vertreter kaum. Die Islamisten sind dagegen sehr gut
organisiert. Ich glaube aber, dass die Islamisten sehr schnell mit der
wirtschaftlichen und politischen Realität konfrontiert sein werden. Sie
können nicht einfach ignorieren, was auf der Welt geschieht und sich
einschliessen. Die Realität wird sie zu Konzessionen zwingen.
(Interview: Hubert Mooser. Aktualisiert am 22.12.2011 Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

