Kosova ist unabhängig – und nun?
Grosser Jubel bei der albanischen Bevölkerung in Kosova und in der Schweiz, der lang ersehnte Moment ist endlich eingetreten: Kosova erklärt seine Unabhängigkeit von Serbien. Eine jahrzehntelange Geschichte von Diskriminierungen wegen der „falschen“ ethnischen Zugehörigkeit geht damit zu Ende, die Freude der Kosova-AlbanerInnen ist deshalb sehr verständlich. Auf der anderen Seite geht die Angst der in die Minderheit versetzten serbischen Bevölkerung um, die Parias im neuen Staat zu werden. Das wird eine der ganz grossen Herausforderungen des neuen Staates sein, nämlich wie er mit den Minderheiten umgeht. Hat die albanische Minderheit auf Grund ihrer eigenen Erfahrung die Lektion gelernt? Wird sie es besser machen als ihre Unterdrücker? Auf der neuen Nationalflagge hat sie bereits ein Zeichen gesetzt: sechs Sterne stehen für die verschiedenen Ethnien im Land.
Der cfd verfolgt die Entwicklung mit besonderer Aufmerksamkeit und Anteilnahme, denn durch die langjährige Arbeit mit unseren Partnerorganisationen in Kosova haben wir enge Beziehungen aufgebaut und kennen ihre Anliegen und ihr Engagement daher sehr genau. Deshalb wissen wir, dass auf Druck von Frauenorganisationen, zu denen auch unsere Projektpartnerin „Gender Training and Research Center“ gehört, bei den Statusverhandlungen wichtige Grundlagen für die Gleichstellungspolitik im neuen Staat geschaffen worden sind. Uns interessiert jetzt natürlich, welche Bedeutung der neue Staat der Geschlechtergerechtigkeit beimessen wird und welche Versprechen von der neuen Regierung eingelöst werden.
Auch unsere andere Projektpartnerin, das Women's Wellness Center in Peja, welches seit langem soziale und juristische Beratung für gewaltbetroffene Frauen leistet und ein Frauenhaus unterhält, wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Denn die kosovarische Bevölkerung ist durch erlittene Repression, Krieg und Militarisierung stark geprägt und traumatisiert. Die weit verbreitete häusliche Gewalt ist eine der Folgen davon. Diese wird nicht einfach durch die Staatgründung aus der Welt geschafft. Mit Öffentlichkeitsarbeit, Schulung der Behörden und politischem Lobbying wird das Center zu erreichen versuchen, dass Gewalt gegen Frauen im neuen Staat als gesellschaftliches Phänomen wahrgenommen und als Rechtsverletzung behandelt wird. Das Women’s Wellness Center ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Good Governance“ und kann damit politischen Einfluss nehmen.
Aber nicht nur in Fragen der Gendergerechtigkeit werden unsere Projektpartnerinnen im neuen Staat eine wichtige Rolle spielen, auch in Fragen des Umgangs mit Minderheiten können sie zum Vorbild werden: bei den Klientinnen wird nie gefragt, welcher Gruppe sie zugehörig sind, ob der albanischen, der serbischen oder der Gruppe der Roma. In dem Netzwerk „Kosova’s Women Network“, dem unsere Partnerinnen angehören und das aus einem cfd-Projekt entstanden ist, arbeiten seit eh und je Frauen unterschiedlicher ethnischer Herkunft zusammen.
Cécile Bühlmann, Geschäftsleiterin
