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/ Die Situation in Gaza ein Jahr nach dem Krieg

Ein Jahr nach dem Gazakrieg hat sich das Leben der meisten Menschen im Gazastreifen nicht gross verbessert, ganz im Gegenteil, es ist stagniert. Die Abriegelung des Streifens durch die Mauer und die israelische Armee sowie die interne Etablierung von Machtstrukturen durch die Hamas lassen auch weiterhin nicht auf eine Entspannung der Lebenssituation hoffen oder wenigstens entfernt an eine positive Zukunft denken. Der Wiederaufbau der zerstörten Infrastrukturen und Gebäude ist blockiert, die Ein- und Ausfuhr von Lebensmitteln und Alltagsgut findet grösstenteils über die Tunnels zwischen Rafah und Ägypten statt, die Kontakte und Beziehungen zur Welt ausserhalb des Streifens haben sich stetig verschlechtert. Die Menschen hausen immer noch in Zelten oder in ihren halb eingestürzten Häusern, sind abhängig von der Tunnel-Wirtschaft und finden keine Arbeit. Stimmung und Gemütsverfassung der PalästinenserInnen haben sich kaum aufgehellt und der Krieg hat seine tiefen Spuren in den Seelen der BewohnerInnen von Gaza hinterlassen.
Neun Monate nach der Lancierung des Gaza Notprojektes durch die cfd-Partnerorganisation Palestinian Working Women Society for Development PWWSD hat sich für einige Menschen im Gazastreifen das Eine oder Andere verändert. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder, die im PWWSD Aufnahme und Betreuung und durch die Teilnahme am Projekt und an den Gesprächen wieder ein wenig Boden unter den Füssen gefunden haben.

/ Psychosoziale Begleitung für Frauen  und Kinder
In den ersten neuen Monaten der bis Ende 2009 unter dem Namen ‚Notprojekt' laufenden Intervention wurden im PWWSD Gaza sechs Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen engagiert. Sie boten von Gewalt traumatisierten Frauen und ihren Kindern psychosoziale Begleitung an. Die Frauen trafen sich in Gruppensitzungen und die Kinder an Spielnachmittagen. Dabei hatten die Frauen Gelegenheit, über ihre Erfahrungen zu sprechen, sich auszutauschen, gegenseitig näher kennenzulernen und zu unterstützen. Die Kinder benutzten unter Anleitung Spielsachen, die besonders durch Gewalt verstörten Kindern helfen, ihre Erlebnisse in einer spielerischen Form zu verarbeiten, zu zeichnen oder körperlich auszudrücken. Viele TeilnehmerInnen profitierten auch von Einzelgesprächen. Die Mitarbeiterinnen trafen sich entweder bei Familien in nicht zerstörten Häusern oder stellten Kontakte zu Gemeindezentren her, in denen sie arbeiten konnten. Auf diese Weise entstand ein Netzwerk, in das die Frauen eingebunden waren. Während 19 sogenannten ‚open days', trafen sich etwa 1140 Frauen und Kinder (je etwa 60 pro Anlass) und nutzten den Tag zum Gespräch, Austausch, Spiel und Picknick.
Die im Projekt gesammelten Zeugnisse von Frauen und Kindern berichten davon, dass die Teilnahme am Projekt oft eine grosse Hilfe darstellt und die Frauen Möglichkeiten finden, ihr Selbstwertgefühl wieder zu erlangen und mit ihren Familienangehörigen entspannter und konfliktfreier umzugehen. Manches Kind hat gelernt, wieder zu sprechen, sich weniger aggressiv zu verhalten und sogar wieder zu lachen.
Leider konnte die Verteilung von Hilfsgütern spezifisch für Frauen und Kinder (Hygieneartikel, Seife, Kinderkleider) nicht stattfinden, da die Bestimmungen nach dem Krieg jegliche Einfuhr solcher Artikel nach Gaza verbieten.

/ Nottelefone nutzten insbesondere Männer
Die acht Nottelefone, die in Ramallah und Nablus eingerichtet waren, wurden sehr rege benutzt, bis Ende 2009 meldeten sich 3006 Männer und 1257 Frauen aus Gaza. Viele von ihnen wurden an das Notprojekt oder an andere Institutionen weiterverwiesen. Manche waren froh, anonym über ihre Schwierigkeiten sprechen zu können. Eindrücklich ist die hohe Anzahl Männer, die das Gratis-Telefonangebot nutzten, um sich über ihre persönlichsten Ängste und Schwierigkeiten zu äussern. Dass Männer dies tun, ist in der palästinensischen Gesellschaft verpönt und gilt als sehr ungewöhnlich. Es zeugt im vorliegenden Fall von den schweren Verletzungen, die die Palästinenser offenbar erlitten haben. Die Anonymität ermöglicht es ihnen, sich von ihrer inneren Not zu entlasten.
Alle Sozialarbeiterinnen sowie die Personen, die die Telefone bedienten, erhielten regelmässige professionelle Supervision und Weiterbildung.
PWWSD hat ein Handbuch entwickelt und gedruckt, das zu telefonischen Kriseninterventionen anleitet und an Partner-Organisationen verteilt werden konnte, die im gleichen Bereich tätig sein möchten.

/ Das Projekt läuft in unterschiedlicher Form weiter
Die vielen mündlichen Zeugnisse von Frauen und Kindern, die PWWSD in Gaza gesammelt hat, werden übersetzt und in einem Schreiben dem UNO Hochkommissariat für Menschenrechte, Abteilung Frauenrechte, vorgelegt. Sie dienen dazu, die Menschen ausserhalb Palästinas auf die schweren Menschen- und Frauenrechtsverletzungen im letzten Jahr aufmerksam zu machen.
Für 2010 ist nun das Projekt in PWWSD Gaza umbenannt und in das cfd-Programm aufgenommen worden. Die Notfallphase war gleichzeitig ein Pilotversuch, unter den gegebenen Umständen ein Projekt zu entwickeln und zu implementieren. Der cfd ist überzeugt von der bisherigen Entwicklung des Projektes und wird es im 2010 so begleiten, dass es noch mehr Stabilität und Kontinuität erlangt. Zu einem späteren Zeitpunkt dürfte das Projekt weiter ausgebaut werden, denn es entspricht einem grossen Bedürfnis in der Bevölkerung. Es bietet in einem unübersichtlichen und unübersehbaren Konflikt einen kleinen Rahmen an, in dem Teilnehmerinnen persönliches Empowerment und traumatisierte Kinder Erleichterung erfahren.
20. Januar 2010

Esther Stebler
cfd Programmverantwortliche Palästina/Israel

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Eine Sozialarbeiterin mit Kindern an einem Spielnachmittag. Foto: PWWSD Gaza

Artikel: Operation «Gegossenes Blei» in Gaza: Wie wird die Zukunft gelesen?

Zu den Anfängen des Projekts