/ Bedrohte Frauenrechte in Algerien
Im Jahr 2009 akzeptieren weniger Algerierinnen und Algerier den Grundsatz der Geschlechtergleichstellung als neun Jahre zuvor. Zwischen gesetzlich verankerten Rechten und der sozialen Praxis tut sich eine Kluft auf. Die Gründe analysiert Nadia Ait-Zai, Direktorin des Centre d'Information et de Documentation sur les Droits de l'Enfant et de la Femme.
Im Jahr 2000 ergab die von der algerischen Sektion des Collectif Maghreb Egalité durchgeführte Umfrage, dass 27% der über 18-Jährigen die Gleichstellung zwischen Frau und Mann befürworteten. 2009 zeigte die Befragung des Centre d'Information et de Documentation sur les Droits de l'Enfant et de la Femme CIDDEF einen markanten Rückgang in der Akzeptanz der Frauenrechte: nur 19% der Bevölkerung spra- chen sich für gleiche Rechte aus. Die Bevölkerungsgruppe, welche die Gleichstellung am deutlichsten ablehnt, hat sich seit 2000 von 10% auf 23% mehr als verdoppelt. Nadia Ait-Zai, Direktorin des CIDDEF, analysiert diese Entwicklung in der algerischen Gesellschaft.
Lobreden, aber keine Statusänderung
Die Umfrage von 2000 fand in einem Klima fundamentalistischer Gewalt statt, das Algerien prägte. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnte den islamistischen Machtanspruch ab. Insbesondere die Frauen protestierten mutig und entschieden gegen eine islamistische Republik. Ihr Beitrag zur Verteidigung der Grundsätze der Republik und im Kampf gegen Gewalt war nicht zu übersehen. Das brachte ihnen Sympathie und Anerkennung ein, was die positivere Haltung bei der Umfrage von 2000 wohl teilweise erklärt. Die Frauen wehrten sich damals nicht nur gegen den Fundamentalismus sondern forderten die Gleichstellung in der Familie durch eine Revision des Familiengesetzes. Der damals neu eingesetzte Präsident Abdelaziz Bouteflika versprach, die Rechte der Frauen im öffentlichen und privaten Raum zu verbessern. Dieser erklärte politische Wille wirkte sich auf die Haltung der Bevölkerung aus. Neun Jahre später jedoch ist das Anliegen der Frauenrechte in der Gesellschaft geschwächt.
Sicherlich gab und gibt es Lobreden auf den Mut, den die Frauen seit jeher im Krieg gegen die Kolonialmacht und gegen den Terrorismus zeigten. Dadurch ändert sich aber der Status der Frauen in keiner Weise, trotz Änderungen im Familienrecht, der Staatsangehörigkeit und der Verfassung. Zwischen den gesetzlichen Neuerungen sowie der gesellschaftlichen Praxis und dem sozialen Verhalten klafft eine Lücke. Selbst politische Diskurse beeindrucken keine Bevölkerung, die völlig desillusioniert ist und daher ihre eigenen Funktionsweisen und Verteidigungsmittel schafft. Die Menschen suchen Zuflucht in islamisch-konservativen Werten, während es eigentlich die Rolle des Staates wäre, gesellschaftliche Beziehungen zu regeln, zu gestalten und zu prägen. Algerien schwankt zwischen Modernität und Konservativismus. Jedoch ist die islamisch-konservative Strömung in der Gesellschaft präsenter und setzt alles daran, das in der Privatsphäre herrschende Modell auch in der Öffentlichkeit durchzusetzen.
Der Staat zieht sich zurück
Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern im öffentlichen Raum ist eine Kopie der im Privaten bestehenden Beziehungen: Das Kopftuch muss getragen werden, um sich vor den Blicken fremder Personen zu schützen, um die religiösen Vorschriften einzuhalten, um der Trägerin Respekt zu verschaffen, Angriffe von ausserhalb und vor allem von Männern abzuwehren, um auszugehen und sich draussen frei zu bewegen, zu arbeiten und zu studieren. Dennoch werden drei Millionen Frauen daran gehindert, zu arbeiten und das Haus zu verlassen. Das Kopftuchtragen ist das Zeichen der Unterordnung gegenüber dem Mann der Familie oder auch dem Fremden. Dieser gibt vor, die Frau mit Kopftuch zu respektieren, da sie dem Bild der unterwürfigen, gläubigen Frau entspricht - was ihn aber nicht daran hindert, ihr Gewalt anzutun. All dies geschieht, obwohl die Revision des Familienrechts von 2005 die Gehorsamspflicht und das Familienoberhaupt abgeschafft hat. Nichts wurde getan, um die gesellschaftlichen Verhältnisse tatsächlich zu verändern. Der Rückzug des Staates aus der Gestaltung gleichberechtigter Geschlechterverhältnisse ist frappant. Diese staatliche Rolle, welche die Behörden nicht wahrnehmen, haben sich folglich islamisch-konservative Kreise angeeignet.
Was uns zudem beunruhigt, ist die Haltung der Jugendlichen zu den Frauenrechten. Ihre Meinungen und Verhaltensweisen gleichen denen der Erwachsenen. 23% der jungen Menschen sprechen sich für gleiche Rechte aus, nur wenig mehr als die 19% Erwachsenen. Der Einfluss der Erwachsenen auf das Verhalten der Jugendlichen ist sehr stark. Dennoch fällt auf, dass die befragten Mädchen und Frauen mehrheitlich für gleiche Rechte einstehen: Zwei Drittel der Mädchen und Frauen sind für Gleichstellung, bei den Männern sind es nur ein Drittel. Besorgniserregend ist, dass der Bildungsstand offenbar keinen Einfluss auf die Haltungen und Meinungen der algerischen Bevölkerung in Bezug auf Frauenrechte hat. Die Umfrage zeigt, dass die wichtigste Variable die Region ist, gefolgt von Geschlecht und Alter.
Was heisst das für die Arbeit von CIDDEF?
Das CIDDEF warnt vor der nachlassenden Akzeptanz der Frauenrechte. Ein Teil der Bevölkerung ist sich selbst überlassen und der islamistischen Ideologie ausgesetzt, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse den Werten früheren Zeiten unterwerfen will. Diese konservative Strömung macht sich die Not der Menschen zunutze, die mit zunehmender Armut und Erwerbslosigkeit leben müssen. Wichtig ist, mit unserer Arbeit die Behörden auf negative Verhaltensweisen aufmerksam zu machen, welche die Würde und Rechte von Frauen beschädigen können. Nicht zuletzt will das CIDDEF die feministische Bewegung und ihre Organisationen zu Aktionen zur Förderung der Gleichstellung animieren.
Nadia Ait-Zai
Direktorin des CIDDEF
Nadia Ait-Zai ist Juristin und Professorin für Arbeitsrecht an der Universität Algier und Mitglied des Collectif Maghreb, in dem sich NGOs aus Marokko, Algerien und Tunesien für die Gleichstellung von Frauen und Männern engagieren.
