«Viele kleine innere Leben»
Mitte Juli 2010 jährt sich zum 15. Mal das Massaker an den Muslimen Srebrenicas und der Deportation ihrer Frauen und Kinder. Etwa 30'000 von ihnen wurden in die ehemalige Industriestadt Tuzla im Nordosten der Föderation Bosnien-Herzegowina vertrieben - und viele sind geblieben. Sie teilen mit den BewohnerInnen Tuzlas die Kriegsfolgen: wirtschaftliche Probleme, hohe Arbeitslosigkeit, ein sich ständig verschlechterndes Gesundheitssystem - sowie nach wie vor nicht verheilte seelische Wunden.
cfd: Ivona, Du bist Programmkoordinatorin und Ko-Leiterin bei Amica Educa, einer Organisation, die der cfd seit Anfang des Jahres unterstützt. Welche Angebote habt ihr?
Ivona Erdeljac: Als Amica Educa 1996, also unmittelbar nach dem Krieg, gegründet wurde, war das Hauptziel, den vielen Flüchtlingen und EinwohnerInnen humanitäre Hilfe in Form von Lebensmitteln, psychologischer und medizinischer Versorgung zukommen zu lassen. Heute bietet Amica Educa informelle Fortbildungen zu Methoden der psychosozialen und pädagogischen Unterstützung an sowie ihre Anwendung, was positive Auswirkungen auf die berufliche und persönliche Entwicklung der EinwohnerInnen hat.
Der cfd unterstützt zwei Projekte: zum einen Trainings und Seminare in psycho-sozialer und pädago-gischer Arbeit für MultiplikatorInnen sowie andererseits konkrete Unterstützung von Roma-Frauen und ihren Kindern. Da sich die psycho-sozialen Institutionen in Tuzla aufgrund der allgemein desolaten Situation im Land mehr und mehr mit existentiellen Problemen der EinwohnerInnen beschäftigen, vernachlässigen sie die psychologische und pädagogische Arbeit mit Hochrisiko-Familien. Ausserdem sind die Angestellten der Institutionen häufig selber überlastet und zeigen Stress- und Burn-out-Symptome.
Mit welchen Problemen sind die Fachpersonen in den psycho-sozialen Institutionen konfrontiert?
Ivona: Der Drogenkonsum von Jugendlichen ist erschreckend hoch. Vor zwei Tagen habe ich von 12-Jährigen gelesen, die Drogen nehmen. Gewalt ist quasi ein Alltagsphänomen - es sind noch viele Waffen vorhanden oder leicht zu beschaffen. Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene (bis 35 Jahre aufgrund der verlorenen Jugend im Krieg) sehen keine Zukunftsperspektiven, sind oft schlecht ausgebildet, apathisch und haben keinen Impuls etwas zu ändern. Gleichzeitig macht sie diese Situation aggressiv. Für den Umgang mit diesen Problemen sind die wenigsten Personen, mit denen sie zu tun habe, gut geschult. Daher bieten wir SozialarbeiterInnen, PädagogInnen sowie Fachpersonen und Studierenden aus dem didaktischen und medizinischen Bereich verschiedene Seminare an. Dazu gehören kreatives Ausdrucksmalen, gewaltfreie Kommunikation, Familiendynamik, sexueller Missbrauch, ‚positive Disziplin' und soziale Schlüsselkompetenzen. Dank unserer Seminare erweitern Fachfrauen und Studierende ihre Kompetenzen und Selbstsicherheit im Umgang mit ihren eigenen Problemen sowie traumatisierten oder hilfesuchenden Menschen.
Inwiefern unterscheidet sich die Situation von Roma-Frauen von der der Musliminnen, serbischen Bosnierinnen oder Kroatinnen?
Ivona: Die grössten Unterschiede zwischen Roma-Frauen und den Frauen der anderen ethnischen Gruppen in BuH rühren aus der Tradition. Roma-Frauen haben oft ein sehr niedriges Bildungsniveau, kennen deshalb ihre Rechte nicht und haben kaum Chancen, ihre Lebensbedingungen zu verändern. Die Roma-Frauen sollen deshalb hauptsächlich in ihrer Selbstkompetenz gestärkt und ermutigt werden, eine aktive Rolle in ihrer lokalen Gemeinschaft zu übernehmen. In den Gruppentreffen gewinnen sie ein besseres Verständnis ihrer Lebenssituation, Beziehungen und Erfahren, sie identifizieren negative Verhaltensmuster und Denkweisen, lernen mit Konflikten umzugehen und definieren realistische persönliche Ziele. Daneben erhalten die Frauen Informationen über die Bedeutung und Rolle der Familie, Familienplanung und ungewollte Schwangerschaften, häusliche Gewalt sowie Frauen- und Menschenrechte.
Politisch haben die drei Volksgruppen in Bosnien-Herzegowina die gleichen Rechte, die Roma als Minderheit noch spezielle VertreterInnen in der Politik. Auf dem Papier haben sie alle die gleichen Rechte - so ist z.B. für alle das Recht auf kostenlose (Grundschul-)Bildung garantiert. In der Praxis hindern aber patriarchale Vorstellungen insbesondere in isolierten ländlichen Gebieten die Mädchen an der Ausübung dieses Rechts. Im praktischen Leben bestehen die grössten Unterschiede jedoch zwischen Frauen aus der Stadt und Frauen aus ländlichen Gebieten. Auf dem Land herrscht die Meinung, dass Mädchen und Frauen keine formale Bildung brauchen, da sie sich nur um Haus und Familie zu kümmern haben. Aber auch die Kosten für den Transport von Kindern, häufiger für Mädchen, aus den abgelegenen Dörfer zu den Schulen sind, können oder wollen die Familie teilweise nicht aufbringen.
In der Arbeit mit der Roma-Bevölkerung in der Gemeinde Kiseljak im Kanton Tuzla haben wir festgestellt, dass die Roma einen geringen Wortschatz haben und untereinander eher aggressiv kommunizieren und sich anschreien. Viele von ihnen können nicht schreiben, Mädchen werden schon mit 14 oder 15 verheiratet, Alkohol und Drogen sind weit verbreitet. Die Familien finanzieren sich häufig durch Betteln - aber nicht, weil sie nicht arbeiten wollten. Im Gegenteil: sie machen ein grosses Fest, wenn einer von ihnen z.B. einen Job bei der Müllabfuhr erhalten hat. Sie bekommen oft keine Arbeit, weil sie diskriminiert werden.
Ist es wahrscheinlich, dass Kinder aus einem solchen Umfeld eine Chance bekommen?
Ivona: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder gerne in die Schule gehen, weil sie dort Aufmerksamkeit erhalten und etwas lernen. Deshalb geben wir die Hoffnung nicht auf.
Was macht ihr in den Workshops für Roma-Kinder?
In zwei nach Alter gestaffelten Gruppen fördern wir die persönliche und soziale Entwicklung durch ein positives Selbstbild oder ein besseres Durchsetzungsvermögen, das verbessert auch die Kommuni-kationsfähigkeit und die Toleranz gegenüber Unterschieden. Wir üben gewaltfreie Konfliktlösungen ein und informieren über grundlegende Menschen- und Kinderrechte. Wir regen sie an, ihre Fantasie spielen zu lassen, mit Neugier auf die Welt zu sehen und kreativ und innovativ zu sein. Die älteren Kinder informieren wir ausserdem, wie sie sexuell übertragbare Krankheiten und ungewollte Schwangerschaften verhindern können und sprechen mit ihnen über die Risiken des Drogenkonsums.
Wie habt Ihr erreicht, dass die Roma-Frauen an Euren Angeboten teilnehmen?
Ivona: Der Grundschulleiter in Kiseljak ist sehr engagiert und durch ihn konnten wir die Kinder kontaktieren. Diese haben ihren Müttern von dem Angebot erzählt, die es dann anderen Roma-Frauen weitererzählt haben. Es gibt auch sehr interessierte Roma-Frauen, die schon früher zu Amica gekommen sind, von den Kursen überzeugt sind und andere Roma-Frauen motivieren. Nicht alle Roma-Frauen kommen wirklich regelmässig, da sie eine Art materielle Anspruchshaltung haben. Wir geben ihnen aber keine materiellen Güter - sie können bei uns etwas lernen.
Mich interessiert das kreative Malen. Wie funktioniert das und wem hilft es?
Ivona: Das kreative Ausdrucksmalen ist eine nonverbale Methode, mit Papier, Farbe oder Ton Erfahrungen und Erlebnisse auszudrücken, über die TeilnehmerInnen nicht reden wollen oder können. Mit dieser Art von Kunsttherapie können sie ihrer Seele Ausdruck geben und sich von ihren psychischen Belastungen befreien. Ich bin jedes Mal wieder bestürzt und erstaunt, an welche Details sich auch junge Studenten und Studentinnen erinnern können, die am kreativen Ausdrucksmalen teilnehmen und noch kleine Kinder während des Krieges waren. Durch den kreativen Prozess können die TeilnehmerInnen Verhaltensmuster und Ressourcen in den Bildern und im Leben finden und sich von Erfahrungen heilen, die noch vom Krieg herrühren oder mit der gegenwärtigen Situation zu tun haben. Eine Heilpädagogin hat das einmal «Türen öffnen zu vielen kleinen inneren Leben» genannt.
