/ Medien, Frauen und Geschlechterbilder
Es gibt fast nirgends so viele private TV-Sender mit so
hohen Einschaltquoten wie in Palästina. Angesichts der gewalttätig ausgetragenen
Konflikte in nächster Nähe informieren sich die Leute im Lokalfernsehen über
die Situation, bevor sie das Haus verlassen. Die Einschränkung der
Bewegungsfreiheit durch Abriegelungen und Belagerungen sowie die vermehrte
Verweisung von Frauen aus dem öffentlichen Raum steigern den Fernsehkonsum. Quantitativ
ist das Angebot gross. Wie aber steht es um das Frauenbild in den palästinensischen
Medien? Welche Positionen und Spielräume haben medienschaffende Frauen in der
palästinensischen TV-Landschaft? Diese Fragen stellten sich junge Medienfrauen
aus der Westbank. Ihre Antwort fiel äusserst kritisch aus und animierte sie zum
Handeln: 2004 gründeten sie «TAM – Women Media and Development». Der cfd
unterstützt das Oral-History-Projekt dieser innovativen feministischen
Organisation.
Vielfältige TV-Frauenbilder
Die lokalen Fernsehstationen spielen eine entscheidende
Rolle bei der Verbreitung stereotyper Geschlechterbilder und der einseitigen
medialen Repräsentation von Frauen. Ihr Frauenbild beschränkt sich weitgehend
auf den Opferaspekt. Das hierarchische Geschlechterverhältnis sowie Gewalt
gegen Frauen werden als normal dargestellt und mit kulturellen Zuschreibungen begründet.
Ziel von TAM ist es, Frauen in allen Programmen und Formaten als Subjekte und
Akteurinnen zu zeigen und mit Vielfalt verengte Rollenbilder und
Geschlechterzuschreibungen aufzubrechen.
Oral-History-Projekt
Empowerment von Frauen als Erzählerinnen, Medienschaffende
und Zuschauerinnen steht im Zentrum des Oral-History-Projekts von TAM. In einer
Serie von Filmporträts erzählen alte und junge Frauen aus verschiedenen Milieus
und mit unterschiedlichen Erfahrungen aus ihrem Leben. Die Porträts verheissen
Blickwechsel: Frauen werden nicht nur als Opfer von Besatzung, Gewalt und Armut
dargestellt, sondern als Akteurinnen – im Alltag, in sozialen Beziehungen,
beruflich und politisch. Für die porträtierten Frauen ist bereits die Erfahrung,
dass ihre Geschichte interessiert und festgehalten wird, ermächtigend. Die
FilmerInnen erarbeiten sich technisches Know-how und Genderkompetenz. Die Zuschauerinnen
lernen verschiedene Handlungsstrategien kennen. Um die Debattierlust in den
Familien zu wecken, wird die Ausstrahlung der Porträts von Talkshows und
Diskussionsrunden begleitet.
Gleichberechtigung und Geschlechtersensibilität
Um sowohl auf der MacherInnen- wie auf der Publikumsseite
wirksam zu sein, bindet TAM die lokalen Fernsehstationen in ihre Projekte und
Produktionen ein. In den Weiterbildungen für FernsehjournalistInnen verbindet
TAM technische Schulung mit Gendertrainings. Das Bildungsangebot richtet sich gezielt
auch an Männer, denn diese stellen die Mehrheit des Personals und besetzen die
Positionen mit Einfluss aufs Programm. Gender-Kommissionen in den lokalen TV-Stationen
und das Netzwerk von Medienfrauen werden dafür sorgen, dass
Geschlechtergerechtigkeit zum Qualitätskriterium wird.
Projektbeschreibung als pdf

