/ Spielräume von Empowerment: Eine cfd-Studie
Stefanie Gass, Franziska Müller
Wie gestalten die cfd-Projekte im Mittelmeerraum und die Migrantinnenwerkstatt wisdonna Empowerment? Was bewirken Prozesse der Machtgewinnung bei den beteiligten Frauen und in ihren Gesellschaften? Welchen Hürden begegnen wir, wenn wir mit Empowerment Diskriminierungen abbauen und den Handlungsspielraum von Frauen erweitern wollen? Solche Fragen speziell bezogen auf die Themen Gewalt, Sicherheit und Ressourcen untersucht und diskutiert die cfd-Empowerment-Studie.
Empowerment ist ein individueller und kollektiver Prozess der Machtgewinnung. Empowerment von Frauen ist Methode und Ziel der cfd-Projekte im Mittelmeerraum und der Migrantinnenwerkstatt wisdonna. Nach einigen Jahren Praxis wollten wir mit unseren Projektpartnerinnen in einer Studie die Möglichkeiten, Wirkungen und Aussichten von Empowerment systematisch analysieren. Die Ergebnisse der Forschung liefern uns und weiteren in der Internationalen Zusammenarbeit, der Friedenspolitik und der Migrationspolitik aktiven Organisationen Grundlagen, um Ansätze und Praktiken von Empowerment weiter zu entwickeln.
Ziel von Empowerment-Projekten ist es, in ihrem jeweiligen Kontext diskriminierende Strukturen sichtbar zu machen und abzubauen, um den Handlungsspielraum von Frauen zu erweitern. Die Studie beschreibt, inwiefern die cfd-Projekte diesen Anspruch realisieren. Unterstützen sie Frauen dabei, sich aus Gewaltverhältnissen zu befreien, ihre Sicherheit zu verbessern, Zugang zu und Kontrolle über gesellschaftliche Ressourcen zu erlangen? Bewirken sie Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen, beeinflussen sie gesellschaftliches Handeln? Was steht allenfalls im Weg?
Diese Fragen leiteten die Wissenschaftlerinnen bei ihrer Arbeit. Jamila Bargach verfasste die Teilstudie zu Marokko, Faiha Abdulhadi koordinierte das Forschungsteam in Israel und Palästina, Martina Beliæ und Suzana Kunac untersuchten die Projekte in Bosnien-Herzegowina und Kosova, Maritza le Breton analysierte die Empowerment-Projekte von wisdonna. Aufgrund dieser empirischen Arbeiten verfasst die Ethnologin Anja Sieber die Gesamtstudie über Empowerment, welche theoretische Bezüge zu feministischen und friedenspolitischen Diskursen schafft.
Forscherinnen und Projektleiterinnen zur Arbeit an der Studie:
Samar Hawwash, Leiterin des Frauen und Kinderzentrums in Nablus
«Für uns Mitarbeiterinnen des Frauen- und Kinderzentrums bot die Empowerment-Studie eine einzigartige Möglichkeit, unsere Arbeit für die Stärkung von Frauen zu überprüfen. Wir wurden nicht einfach erforscht, sondern waren beteiligt und konnten unsere Fragen in das Forschungskonzept einbringen. Die Gespräche mit der Forscherin waren respektvoll und lebendig. Nun freuen wir uns darauf, Erfahrungen und Ergebnisse aus der Studie im Rahmen einer cfd-Expertinnenkonferenz mit Organisationen aus anderen Ländern zu vergleichen und zu diskutieren.
Die Benutzerinnen unseres Zentrums waren prominent in die Studie involviert. Ihre offenen Antworten auf die Interviewfragen, ihre engagierten Diskussionen untereinander und mit der Forscherin in Gruppeninterviews zeigen uns den Erfolg aber auch die politischen Grenzen unserer Empowerment-Arbeit. Interessant ist, dass in den Interviews immer wieder angeregt wurde, Männer für die Unterstützung von Frauen-Empowerment-Prozessen zu gewinnen.
Viel theoretisches und praktisches Wissen ist durch die Forschung zusammen gekommen. Es hat unseren Empowerment-Horizont erweitert. Aber wir leben in einer Kiste. Sie heisst Besatzung und in ihrem Innern gibt es keine privaten und öffentlichen Freiheiten, keine Rechtssicherheit. Die Kiste begrenzt das Empowerment von Frauen und unsere Arbeit, denn wir beanspruchen gleichzeitige Veränderungen auf der politischen, ökonomischen und sozialen Ebene. Die Studie motiviert uns, nun die Initiative zu ergreifen, um mit lokalen Frauenorganisationen das Empowerment-Konzept spezifisch für unsere Situation weiter zu entwickeln.»
Jamila Bargach, Ethnologin, Teilstudie Marokko
«Strassenkinder sind das Produkt von Gewalt, Vernachlässigung und Gleichgültigkeit. Sie verlassen ihr Zuhause auf der Suche nach Frieden. Das Leben auf der Strasse bietet ihnen zwar die «absolute Freiheit», aber der Preis ist hoch: Einsamkeit, Angst und das schlimmste, der gewalttätige und vergewaltigende Initiationsritus.
Während ich in Bayti, dem cfd-Partnerprojekt in Essaouira, die MitarbeiterInnen sowie die Kinder und Jugendlichen interviewte, hörte ich eine Geschichte, die mich nicht mehr loslässt. Es ist die Geschichte eines Kindes, ich nenne es Khalid, das die traumatisierenden Erfahrungen seiner kleinen KollegInnen nicht machen musste, denn es fand ein Gegenmittel: Strassenhunde, ihre Wärme und Treue. Streunende Hunde werden wie obdachlose Kinder als dreckige und verdorbene Kreaturen angesehen. Khalid und seine Freunde fanden Trost in ihrer Marginalität, entwickelten Unabhängigkeit und blieben sich treu.
Khalid ging mit sieben auf die Strasse und lebte mit einem Rudel Hunde, das ständig wuchs. Wenn sich Gelegenheit ergab, arbeitete er hart. Auf dem Markt stahl er mit Takt. Er kannte alle guten Abfallplätze hinter den Restaurants und versuchte sich auch als Taschendieb, um die Tiere zu füttern. Anders als die übrigen Strassenkinder hielt sich Khalid an einen «normalen» Rhythmus und schlief nachts immer. Niemand wagte sich, seine wenigen Habseligkeiten zu stehlen. Die Hunde bewachten ihn und gaben ihm warm. Zu sprechen brauchte Khalid nicht. Er unterhielt sich mit seinen Hunden, verstand ihr Kläffen und deutete ihr Schwanzwedeln.
Aber dann veränderte ein kleines Detail alles: Nachdem Khalid wie immer den ganzen Tag durch die Stadt navigiert war, beschloss er einen neuen Schlafplatz auszuprobieren, damit seine Hunde ihre Geschäfte frei machen könnten, auf der fünf Meter hohen Zitadelle am Eingang der alten Medina. Beim Aufstieg über die selbst gebastelte Leiter verpasste er einen Tritt. Er fiel auf die Strasse und verlor das Bewusstsein. Die Hunde verschwanden, als die Ambulanz ihn mit Sirenen ins lokale Krankenhaus brachte. Da keine Familie zugegen war, wurde Bayti geholt. Khalid, im Koma, musste in ein besser ausgerüstetes Spital in Marrakesch transportiert werden. Ein Mitarbeiter von Bayti fuhr mit. Ausserhalb Essaouiras starb Khalid.
Die Ambulanz kehrte mit dem toten Khalid um, mit einem Kind ohne Familie, ohne Andenken, ohne Bindungen, um ihn im Leichenhaus abzugeben. Bei der Einfahrt in die Stadt, musste sie das Tempo drosseln. Immer mehr Hunde versammelten sich auf der Strasse, umkreisten das Auto und liessen sich vom Hupen nicht vertreiben. In angemessenem Schritttempo bewegte sich der Zug. Die streunenden Hunde begleiteten die Ambulanz bis zum Leichenhaus und warteten draussen in ihrem eigenen Pathos.»
Liliane Schärer, Verantwortliche für das wisdonna-Projekt «Der andere Kochkurs»
«Als Besucherin von wisdonna wurde ich von Maritza Le Breton für die cfd-Studie interviewt. Obwohl ich den Begriff «Empowerment» nicht brauche, teile ich die Projektziele von wisdonna und verknüpfe mit den Empowerment-Inhalten eigene, gute Erfahrungen. Ich kam mit einem abgeschlossenen Jus-Studium aus Kamerun in die Schweiz und hatte keine Arbeitsmöglichkeit, weil mein Diplom nicht anerkannt wurde. In dieser Situation war wisdonna für mich zuerst einmal ein Ort, um im Austausch mit Frauen verschiedener Herkunft Ideen zu entwickeln. Was können Frauen tun, um ihr Leben zu verbessern, etwas zu erreichen, Erfolg zu haben? wisdonna hat mir den Freiraum verschafft, um eine Entscheidung zu treffen. Inzwischen habe ich in der Schweiz das Ergänzungsstudium in Rechtswissenschaften abgeschlossen.
wisdonna bietet auch Raum, um Projektideen zu entwickeln und umzusetzen, zum Beispiel den «anderen Kochkurs», für den ich verantwortlich bin: Frauen mit und ohne Migrationserfahrung kommen zusammen, tun etwas, geniessen und tauschen Wissen aus. Solche Möglichkeiten, zu besprechen und gemeinsam zu handeln öffnen Spielräume für die Beteiligten.
Ich erlebe aber auch, wie Empowerment-Projekten Grenzen gesetzt werden, zum Beispiel durch die Vergabepraxis von Institutionen, die Projekte zeitlich beschränkt unterstützen, und lieber in immer Neues investieren. Empowerment ist ein Prozess und braucht Zeit.»
Faiha Abdulhadi, Literatur- und Genderwissenschaftlerin, Teilstudie Israel und Palästina
«Forscherinnen entdecken auch etwas, wenn sie Interviews durchführen. Sie lernen von den Befragten, erweitern ihre Erfahrungen und verfeinern ihr Werkzeug. Während der Arbeit an der cfd-Studie habe ich vor allem erfahren, wie zentral Kommunikation für Empowerment-Prozesse ist.
Die Benutzerinnen der Projekte, mit denen ich einzeln oder in Gruppen sprach, trugen entscheidend zur inhaltlichen Vertiefung der Studie bei. Denn während die Vertreterinnen und Mitarbeiterinnen der Organisationen ihre Worte sachgemäss filterten, nahmen sie kein Blatt vor den Mund.
Wir diskutierten über die Wirkung von Empowerment im Leben der Frauen, über den Einstellungs-Wandel, den Empowerment-Prozesse hervorrufen können, bei ihnen selbst, in ihren Familien oder in ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Wir sprachen über Gewalt, Sicherheit, über die Möglichkeit zu verdienen, zu entscheiden, Einfluss zu nehmen.
Kommunikation ist sehr wichtig im Leben dieser Frauen. Dem muss die Forscherin Rechnung tragen durch Aufrichtigkeit und Sorgfalt bei der Arbeit. Während der Gespräche wurde deutlich, dass die Frauen gerne und offen über ihr Leben und ihre Beziehungen in der Familie und mit den Kindern sprechen. Ihr Wunsch, die Themen der Studie mit andern Dingen zu verknüpfen, die mit ihrer aktuellen Situation zusammen hängen, war stark. Diese, ihre Bezüge verleihen der Studie Relevanz.
Kommunikation ist ein Teil des Empowerment-Prozesses. Wenn die Forscherin ihre Interviewpartnerin ermutigt zu sprechen, wenn sie gut zuhört und mehr da ist als fragt, dann fliessen die Worte aus dem Mund der Frau, ihre innere Stimme sonst oft weggeschlossen findet hinaus. Augen, Hände und Beine sprechen mit. Die Ermächtigung zu sprechen, das wachsende Selbstvertrauen, das Wissen um die Bedeutsamkeit ihrer Meinung, ihrer Wirkung dies ist Empowerment. «Interviews, welche Frauen wertschätzen, indem sie ihre Kommunikation aufnehmen, sind Hebammen für die Worte der Frauen.», sagt dazu die feministische Spezialistin für Oral History, Kristina Minster.
Diese Kommunikation hängt nicht von vorgefertigten Antworten und gut zugeschnittenen Sätzen ab, sondern von Verständnis und Menschlichkeit. Ich entdeckte die Wichtigkeit der Gefühle, der Werte, der Bedeutung von Dingen und der Art wie sie getan werden. Sie verleihen den Ereignissen Gehalt. Während der Arbeit an der Empowerment-Studie erlebte ich eine Kommunikation, die Veränderungen bewirken kann.»
cfd-Zeitung 3/04, September 2004
