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/ Manal Awad: Routenwahl in Gaza

Manal Awad ist Leiterin des Women's Empowerment Project im Gazastreifen, welches der cfd seit 1998 unterstützt. Sie kommt aus Rafah und lebt in Gaza Stadt. Kurz nach dem israelischen Abzug macht sie sich Gedanken zu Aussichten und Entwicklungen in Gaza: Auf der Strasse, in der rechtlichen Organisation der Gesellschaft, in Bezug auf Macht und Möglichkeiten von Frauen.

Rundreisen

Kurz nach dem israelischen Abzug aus dem Gazastreifen Mitte September fuhr ich mit meinem Bruder und einem Freund von Gaza Stadt nach Rafah. Zum ersten Mal in unserem Leben war es nicht absurd, über Reiserouten zu diskutieren: Welchen Weg wollten wir wählen, die Salah Eddin im Landesinnern, die seit der Intifada geschlossen gewesen war, oder die Strasse dem Meer entlang? Wir entschieden uns für die Fahrt entlang des Meeres. Ich kannte die Gegend nicht, denn die Israelis waren schon da, als ich geboren wurde. Während meiner Kindheit und Jugend in Rafah bauten sie den Gush-Katif-Siedlungsblock aus, der uns PalästinenserInnen den Zugang zum Meer versperrte.

Aus unserem geplanten Kurztrip von 40 Kilometern wurde eine Tagesreise – wie zu Zeiten der Besatzung. Wir blieben in einem Stau stecken. Denn alle fuhren ans Meer bei Rafah und alle verfuhren sich auf der ehemals exklusiven Siedlungsstrasse. Ältere Leute versuchten sich zu erinnern, wie es einmal gewesen war vor der israelischen Besatzung und Besiedlung, wo welches Haus, wo welcher Baum gestanden hatte. Einige suchten ihr Land, um darauf zu campieren. Ich genoss den Anblick der Landschaft, der Felder, des Meeres. Das Wasser war so klar hier, klarer als anderswo im Gazastreifen. Ich war glücklich. Ich sah die vielen Leute am Strand. Die Situation hatte etwas Unwirkliches.

Um nach Gaza Stadt zurückzukehren, nahmen wir die andere Strasse, Salah Eddin. Wir kosteten es aus, einen anderen Rückweg zu wählen. Ich sagte, guckt, die Siedlung Kfar Darom, und jetzt sind da PalästinenserInnen, und ich war glücklich. Aber wenn ich das Gesamtbild anschaue, bin ich beunruhigt. Wir haben oft geträumt in den letzten 50 Jahren, und jetzt sind wir schon glücklich, wenn wir nach Rafah fahren und erst noch zwischen zwei Routen wählen können – Freiheit auf 365 Quadratkilometern. Zwei Wochen später plante ich einen Ausflug ganz in den Norden des Gazastreifens. Zu spät, die israelischen F16 flogen über uns.

Rechtswege

In der Not gibt es immer einen Grund – oder eine Ausrede – um das öffentliche Recht und seine Vertreter links liegen zu lassen: Die ökonomische Situation, das Ausmass der Schande, die Dringlichkeit... Die Leute haben das Vertrauen in die Wirksamkeit der Justiz und der Polizei verloren und verlassen sich auf die Familie oder die Partei als Ordnungsmacht. Wer öffentlich rechtlichen Schutz in Anspruch nehmen will, gilt als schwach und schwachsinnig. Wenn einer WEP-Frau die Tasche gestohlen wird, geht sie nicht zur Polizei, sondern überlässt den Fall der Familie. Auch das Women's Empowerment Project als Organisation muss sich zunehmend auf die Regeln und Mechanismen des Gewohnheitsrechts einlassen, wenn es Frauen vor Gewalt und weiteren Einschränkungen schützen will.

WEP hat immer mit der Polizei zusammen gearbeitet, um Daten auszutauschen und die Sicherheit und die Betreuung der gewaltbetroffenen Frauen zu verbessern. Bis 2004 hat das gut geklappt. Wir hatten Vereinbarungen mit dem Polizeidepartement und gute Kontakte mit den Chefbeamten. 2005 ist alles ganz anders: Bündnisse und Kenntnisse gingen verloren, als nach Abu Mazens Amtsantritt die Posten neu besetzt wurden. Den generellen Macht- und Prestigeverlust ihrer Behörde kompensieren die neuen Polizeichefs mit Machtgebaren gegenüber Vertreterinnen von Frauenorganisationen und der Verunglimpfung von Frauenrechtsforderungen. Aktuell erleben wir vor allem Arroganz und bürokratische Schikanen. Also intervenieren auch wir immer häufiger in den Familien, wirksam von Fall zu Fall. Nachhaltig ist das nicht. Frauenrechte werden zu einer Frage des Goodwills und der Einstellung von Familienoberhäuptern.

Wie andere Nicht-Regierungsorganisationen macht WEP die politische Führung verantwortlich für die Schwächung der öffentlichen Institutionen. Praktisch tragen wir alle dazu bei, wenn wir uns als Privatpersonen und als Organisationen nicht auf das öffentliche Recht stützen und die öffentlichen Organe nicht beanspruchen. Es ist schwierig.

Geschlechteroptionen

Nach der ersten Intifada waren die Frauen enttäuscht. Während der zweiten Intifada haben sie begriffen, dass sie lernen müssen, eigenständig zu denken und zu handeln. Den Haushalt machen sie zwar immer noch allein, und weiterhin stehen sie Schlange für die Lebensmittelmarken, weil ihre Männer sich schämen. Aber ich sehe, wie Frauen sich engagieren, sich bilden, kontrovers diskutieren, politisch aktiv sind. Zwei Drittel der Palästinenserinnen haben an den Lokalwahlen teilgenommen, im Norden Gazas gar 80 Prozent. In den WEP-Veranstaltungen und -Kursen zu den Wahlen haben wir immer wieder gehört, dass Männer ihre Frauen dazu bringen wollten, für irgendeinen Verwandten zu stimmen. Aber die Frauen kamen schnell zum Schluss, dass sie selber wählen wollen und können und haben sich gegenseitig ermutigt, dies auch zu tun.

In den vier WEP-Zentren im Gazastreifen treffen sich Frauen regelmässig zu Gesprächsgruppen. Sie leben in unterschiedlichen Situationen, sind jung oder alt, haben verschiedene Formen von Gewalt erlebt. Aber alle sind sie mit den ewig gleichen Fragen konfrontiert: «Warum verlässt sie das Haus, was macht sie auswärts, warum bleibt sie nicht zu Hause und macht den Haushalt?» Ich beobachte, dass Frauen heute anders reagieren, selbstbewusster: Sie lassen Gewalt nicht mehr über sich ergehen, häusliche nicht, ökonomische nicht, politische nicht. Sie wollen über ihre Gefühle sprechen. Sie denken auch einmal an sich und werden wütend, wenn ihnen jemand den Kurs oder die Gesprächsgruppe im WEP verbieten will. Das erweitert das Vorstellungsvermögen ihrer Familien. Wir erleben immer seltener, dass Familien Frauen am Besuch der WEP-Zentren hindern, immer öfter, dass sie finden, Frauen sollten ihre Chancen verbessern. Natürlich ändern wir mit Bildung und Empowerment nicht auf einen Schlag die Gesellschaft. Aber für die paar hundert Frauen, die uns und andere NGOs erreichen, macht es einen grossen, einen sehr grossen Unterschied, und für ihre Umgebung auch.

Aufzeichnung: Ursula Keller, Franziska Müller, Oktober 2005

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Manal Awad leitet die cfd-Partnerorganisation Women’s Empowerment Project in Gaza.